Umstrittene Medikamententests in Indien:"Man zahlt an die Kommission, und man bekommt den Stempel."

Dem indischen Arzt und Medizinjournalisten Chandra Gulhati sind die unabhängigen Ethikkommissionen ein Dorn im Auge. Er war selbst jahrelang Mitglied einer solchen Kommission. "Einfach jeder kann in Indien eine unabhängige Ethikkommission gründen und Zulassungspapiere ausstellen", so Gulhati. "Man zahlt an die Kommission, und man bekommt den Stempel. So einfach ist das." Die Patientenrechte würden viele Ethikkommissionen in Indien leider nicht schützen, so Gulhati. "Alle machen Geld: Die Pharmafirma, der Arzt, das Krankenhaus. Auf Kosten des Patienten." Den ausländischen Pharmafirmen sei dies bewusst. "Genau deshalb kommen sie ja nach Indien", sagt Gulhati.

Mittlerweile testen allerdings die meisten Pharmafirmen nicht mehr selbst. Sie lassen testen - eben von den Forschungsagenturen, den CROs. Diese organisieren die Studien, führen sie durch und werten sie bei Bedarf auch gleich aus. Eine der weltweit größten Agenturen ist die international operierende Firma Quintiles. Sie betreibt auch ein großes Büro in Mumbai. In den Jahren 2006 bis 2010 war Quintiles laut ihrer Webseite an mehr als 1500 Studien mit insgesamt 750 000 Patienten beteiligt, hat geholfen, 48 von den weltweit 50 bestverkauften Medikamenten mit auf den Markt zu bringen. Einer dieser Versuche ist der an dem lungenkranken Vijay.

Der indische Arzt und Menschenrechtler Amar Jesani beobachtet diesen Trend kritisch. Bereits mehrmals hat er gemeinsam mit der niederländischen Nichtregierungsorganisation Wemos auf die Missstände bei klinischen Versuchen in Entwicklungsländern aufmerksam gemacht und fordert schärfere Kontrollen. "Was in der Folge passiert ist? Die Pharmafirmen haben viel von der Drecksarbeit, die sie früher selbst gemacht haben, an die CROs abgegeben", so Jesani. "Trotzdem bleiben die Pharmafirmen weiterhin verantwortlich."

Dieser Meinung ist auch Peter Sawicki, der das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen geleitet hat und heute an der Universitätsklinik Köln lehrt. Dass Pharmafirmen ihre Studien teilweise ins Ausland verlagern, sei allein nicht verwerflich, so Sawicki. "Allerdings sind die Firmen dafür zuständig, die Qualität und die Durchführung solcher Studien zu verantworten."

Patienten und Angehörige nicht darüber aufzuklären, dass ein medizinischer Versuch stattfindet, sei "schlicht kriminell", so Sawicki: "Ich hätte nicht geglaubt, dass es so etwas im Jahr 2012 noch gibt." Solche Studien dürften wegen des Verstoßes gegen die Helsinki-Deklaration in Europa gar nicht für eine Zulassung verwendet werden, sagt er. Die europäische Arzneimittelzulassungsbehörde EMA hat sich jedoch zu den konkreten Fällen trotz mehrmaliger Nachfrage nicht geäußert.

Für Kamla Bai und ihre Familie kommen solche Diskussionen zu spät. Auch der Name ihres Mannes steht auf der Untersuchungsliste. Mannalal war Teil eines medizinischen Versuchs für das Herzmittel Prasugrel von der Pharmafirma Eli Lilly. Er starb am 27. April 2009, noch während er an dem Versuch teilnahm. Das Medikament, um das es ging, wurde wenige Wochen vor Mannalals Tod in Europa zugelassen - auf der Basis eines anderen Versuchs, der eher abgeschlossen wurde.

Die Firma Eli Lilly betont, von Mannalal eine unterschriebene Einverständniserklärung zu haben. Die Firma halte sich an alle geltenden Richtlinien für die Durchführung von Studien, so auch an die Helsinki-Deklaration. Der Tod von Mannalal habe zudem nichts mit dem Versuch zu tun, wie eine Untersuchung des unabhängigen Klinikkomitees ergeben habe, schreibt Eli Lilly.

Kamla Bai hingegen betont, ihr Mann habe nichts von einem Versuch gewusst. Von der Firma Eli Lilly, sagt sie, hat sie noch nie etwas gehört.

Eine ausführliche Reportage sendet der WDR am Montag um 22:00 Uhr: "Die Story: Pharma-Sklaven."

© SZ vom 07.09.2012/hmet/rus
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