Umstrittene Medikamententests in Indien:Ein Jahresgehalt als Vorabzahlung

Tatsache ist: Indische Ärzte verdienen an solchen Tests mehr als durch ihre Tätigkeit in einem staatlichen Krankenhaus. Aus internen Unterlagen geht hervor, dass ein Mediziner für einen Versuch allein als Vorabzahlung schon mal 3500 Euro bekommt. Das entspricht in etwa einem Jahresgehalt für junge Ärzte an staatlichen Krankenhäusern in Indien. Aus weiteren Unterlagen gehen angebliche Geschäftsreisen hervor, zu denen die Mediziner von westlichen Pharmafirmen eingeladen wurden, der Arzt von Ameena zum Beispiel nach Frankreich.

So gut wie alle großen Pharmafirmen testen mittlerweile Medikamente außerhalb von Europa und den USA, etwa in Indien. Bayer war dabei im Jahr 2011 ins Gerede geraten, weil die Firma in fünf Fällen Entschädigungen gezahlt hatte, als Menschen während Versuchen von Bayer in Indien gestorben waren - umgerechnet rund 4000 Euro pro verstorbener Person.

Damit Medikamente in Europa oder den USA zugelassen werden können, müssen sie verschiedene Testphasen durchlaufen, die die Sicherheit und Wirksamkeit nachweisen sollen. Das verschlingt Zeit und Geld. Dabei laufen die Firmen oft ein Wettrennen gegen den Ablauf des Patentschutzes, der bereits mit der Entdeckung des Wirkstoffs beginnt. Jeden Tag, den eine Firma ein Medikament früher auf den Markt bringen kann, bedeutet deshalb bares Geld.

Tests in Indien sind dabei billiger als in der westlichen Welt. Auch gibt es mehr potenzielle Versuchsteilnehmer. Die Forschungsagentur Quintiles, eine "Contract Research Organization", kurz CRO, die für viele große Pharmaunternehmen Tests in Indien durchführt, wirbt auf ihrer Internetseite damit, dass es in Indien "große Bevölkerungsgruppen mit weit verbreiteten oder auch speziellen Krankheitsprofilen gibt". Dies erlaube eine "schnelle Patientenrekrutierung und einen schnelleren Studien-Start".

Damit Tests zur Zulassung in Europa oder auch den USA verwendet werden können, unterliegen sie strengen Richtlinien. Diese fußen auf der Helsinki-Deklaration des Weltärztebundes. Dort steht unter anderem, dass die Versuchspersonen, egal wie arm oder ungebildet, über den Versuch aufgeklärt werden müssen.

Vijay hat in seinem Leben noch nie etwas von der Helsinki-Deklaration gehört. Der Mann, dessen Name hier geändert ist, steht ebenfalls auf der internen Untersuchungsliste der indischen Polizei und lebt in Indore. Wegen seines chronischen Lungenleidens (COPD) wollte er sich am staatlichen Zentrum für Thoraxerkrankungen behandeln lassen.

Sein dortiger Arzt habe ihn angesprochen, ob er nicht in seine private Klinik kommen möchte. "Er sagte mir, dass sie Medizin für mich hätten, die mich heilen könnte. Tabletten aus dem Ausland. Kostenlos. Man forderte mich dann auf, ganz viele Papiere zu unterschreiben. Aber der Arzt sagte mir: Das sind nur Formalitäten, sonst nichts." Auch er wurde nicht misstrauisch. Tabletten aus dem Ausland - das klang für ihn gut.

Heute sieht Vijay das anders. Denn auch er war eine Versuchsperson - für die Firma Boehringer Ingelheim. Auch Vijay hat noch eine Packung der Tabletten, die er nahm, im Haus. Auf der Schachtel das Boehringer-Ingelheim-Logo, die englische Aufschrift "clinical trial" für klinische Studie und wieder die Versuchsnummer, unter der die Studie zu finden ist. Auf dem Beipackzettel in der Schachtel steht: Die Tabletten enthalten entweder das bereits zugelassene Mittel Formoterol oder ein Placebo.

"Grundsätzlich werden die Patienten per Zufallsprinzip den einzelnen Studienarmen zugeordnet", so Boehringer Ingelheim. Das heißt, Vijay hätte unter Umständen monatelang mit einem Placebo, also einer wirkungslosen Attrappe, behandelt werden können. Und das alles ohne sein Wissen, wenn es stimmt, was er behauptet: dass sein Arzt ihm nichts davon gesagt hat.

Boehringer erklärt auf Nachfrage, dass von dem betreffenden Patienten eine unterschriebene Einverständniserklärung vorliege und die Firma bei allen Versuchen weltweit den Regeln von "nationalen, regionalen und internationalen Behörden" und der guten klinischen Praxis folge, welche wiederum auf der Helsinki-Deklaration fußen. Boehringer verweist außerdem darauf, dass die zuständige lokale Ethikkommission in Indore dem Versuch zugestimmt habe. Bei der Ethikkommission handelt es sich um eine so genannte unabhängige Ethikkommission, die in einem Diabetes-Institut in Indore ansässig ist.

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