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Medikamente für Kinder:Wadenwickel unbekannt

Ohne Sinn und Verstand: Eltern in Deutschland geben ihren Kindern zu viele Medikamente und Pillen - auch zur Vorbeugung. Wissen über alternative Behandlungsmethoden fehlt oft.

Guido Bohsem

Die Kinder in Deutschland erfreuen sich nach Einschätzung ihrer Eltern zumeist bester Gesundheit. Trotzdem schlucken die Sprösslinge bundesweit überraschend viele Pillen und Medikamente.

Nicht immer gehen Eltern mit ihren Kindern zum Arzt, bevor sie ihnen Medikamente geben.

(Foto: Foto: AP)

Laut einer am Dienstag in Berlin vorgestellten Umfrage im Auftrag der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA) haben 60 Prozent der befragten Eltern ihren Kindern in den vergangenen vier Wochen mindestens ein Medikament gegeben.

Dies sei ein überraschend hohes Ergebnis, sagte ABDA-Präsident Friedemann Schmidt. Der Anteil von jüngeren Kindern, die bereits Pillen schluckten, liege noch einmal deutlich höher.

"Ich glaube, dass manche Eltern ihren Kindern zu schnell Medikamente geben", sagte Schmidt. Es seien insbesondere Vitaminpillen oder andere Präparate zur Nahrungsergänzung, die den Kindern verabreicht würden. Dies liegt seiner Einschätzung nach auch an der umfangreichen Werbung, die für diese Produkte gemacht werde.

Viele nähmen diese Informationen oft zu unkritisch an. Laut der Umfrage unter 3208 Eltern mit Kindern bis zu 17 Jahren antworteten etwa 43 Prozent, dass sie für ihre Kinder zur Vorsorge Vitaminpräparate in der Apotheke gekauft hätten, ohne Rezept.

Falsche Anwendung

Demnach sind die Eltern im Westen eher geneigt, ihren Söhnen und Töchtern zusätzliche Vitamine in Pillen- oder Saftform zu geben. In gutsituierten Haushalten geschieht dies doppelt so häufig wie in unteren Einkommensgruppen.

Bei den jüngeren Eltern fehlt nach Schmidts Worten immer öfter das Wissen über alternative Behandlungsmethoden. "Die Kenntnis der sogenannten Volksheilkunde hat erheblich nachgelassen", sagte Schmidt. Viele Mütter und Väter wüssten einfach nicht mehr, dass mit Wadenwickeln bei Fieber ein gutes Ergebnis erzielt werden könne.

Nur 16 Prozent hätten in der Umfrage angegeben, dieses Hausmittel bei der jüngsten Erkältung ihres Kindes angewandt zu haben. 36 Prozent hingegen hätten noch vorrätige Medikamente genutzt oder sich auf eigene Faust neue besorgt.

Dabei kommt es laut den Ergebnissen der Studie oft zu einer falschen Anwendung. So gaben elf Prozent der Befragten an, ihren Kindern Medikamente für Erwachsene zu geben, nur eben in einer geringeren Dosis.

Dies ist nach Schmidts Worten ein großes Problem. So erhielten auch jüngere Kinder von ihren Eltern bei Kopfschmerz beispielsweise eine halbe Tablette Aspirin. Jedoch sei dieser Wirkstoff in Deutschland erst vom 14. Lebensjahr an zugelassen.

Insgesamt gibt es zu wenig eigens für Kinder konzipierte Medikamente. Nach Worten von Wolfgang Rascher von der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin beträgt der Anteil der ambulant verschriebenen, nicht für Kinder und Jugendliche zugelassenen Mittel zwischen zehn und 20 Prozent.

© SZ vom 18.06.2009/gal

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