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Medialer Asteroideneinschlag:Ein Schüler gegen die Nasa

Ein 13-Jähriger aus Potsdam macht Schlagzeilen, weil er Nasa-Daten zum Risiko eines Asteroideneinschlags auf der Erde korrigiert hat. Angeblich gibt die Weltraumbehörde ihm Recht. Doch dort weiß man nichts davon.

Christopher Schrader

Der Name Apophis wird in den kommenden Jahren noch öfter zu hören sein. So nennen Astronomen einen Asteroiden, der in den Jahren 2029 und 2036 der Erde sehr nahe kommen wird.

Ist die Wahrscheinlichkeit eines Einschlags von Apophis 1:45.000 oder 1:450?

(Foto: Grafik: ESA/Dan Durda/FIAAA)

Die Nasa hat die Chance, dass das Geschoss aus dem All die Erde trifft, auf höchstens eins zu 45.000 kalkuliert. Ein 13-jähriger Schüler aus Potsdam bewertet die Gefahr "viel höher", wie er sagt.

Dafür hat er beim Wettbewerb "Schüler experimentieren" einen Sonderpreis gewonnen - und in dieser Woche Schlagzeilen in Zeitungen sowie in den Fernsehnachrichten der Sender N24 und Sat1 erzeugt.

"Ich habe den Weltuntergang ausgerechnet", titelte Bild in Berlin und zitierte den Schüler Nico Marquardt mit den Worten ". . .und die Nasa hat gesagt, ich habe Recht."

Den Presseberichten zufolge hat Nico Marquardt die Nasa-Berechnung verbessert. Er habe erkannt, dass der Asteroid 2029 einem geostationären Satelliten treffen könnte und dadurch für den zweiten Anflug näher an die Erde gelenkt würde.

Die Kollisionswahrscheinlichkeit steige daher auf 1:450. Die Nasa habe ihm über die europäische Weltraumagentur Esa ausrichten lassen, dass er wohl recht habe, sagte er gestern auf Anfrage.

"Einen Nachmittag gequatscht"

Die Schlagzeilen haben zwei Fachleute in einen Konflikt gestürzt, die dem Jungen anfangs geholfen haben. Frank Spahn von der Universität Potsdam hatte Nico vor einigen Monaten in sein Büro eingeladen und "einen Nachmittag gequatscht", wie er sagt.

Nico habe sich Gedanken gemacht, was bei der Berechnung der Einschlagswahrscheinlichkeit noch eine Rolle spielen könne. Für einen 13-jährigen sei das außergewöhnlich. Es gefalle ihm, dass der Junge die Autorität der Nasa nicht einfach hinnehme, sagte Spahn bei N24. Keinesfalls solle der Junge jetzt verschreckt werden - aber sein Ergebnis sei leider falsch.

Spahn sagt, er habe erst aus der Bild-Zeitung erfahren, was Nico Marquardt ausgerechnet habe und ihm dann, wieder in seinem Büro, "die Tafel vollgemalt", um ihm den Fehler zu erklären. Er habe auch den Redakteur bei N24 gewarnt, die Geschichte zu hoch zu hängen - jedoch ohne Erfolg. Der Sender brachte eine Teenager-übertrumpft-Nasa-Story und lud Nico zum Studio-Interview; Sat1 übernahm den Beitrag.

Auch Markus Landgraf von der Esa ist wenig glücklich über die Sache. Er habe Nico Marquardt einmal die Grundsätze solcher Bahnberechnungen erklärt und lobt die Auffassungsgabe des 13-Jährigen. Der habe sich danach aber nicht noch einmal gemeldet, um über sein Ergebnis zu sprechen. Seine Rechnung, die eine große Gefahr für die Erde vorhersagt, sei leider falsch.

Die angebliche Bestätigung von der Nasa kann der Junge auch nicht vorweisen. Angeblich hat er die Zustimmung der Nasa entweder von Markus Landgraf oder dessen Kollege Michael Kahn telefonisch übermittelt bekommen.

Verwunderte E-Mails von Nasa-Kollegen

Beide bestreiten das jedoch. Zudem erklärte eine Esa-Sprecherin auf Anfrage offiziell, niemand bei ihrer Weltraumagentur habe Nico Marquardt im Auftrag der Nasa ausgerichtet, er habe Recht. In dem Fall hätten beide Organisationen zusammen eine Presseerklärung verbreitet und den Erfolg des Jungen offiziell anerkannt.

Frank Spahn sagt zudem, er habe verwunderte E-Mails von Nasa-Kollegen bekommen, weil die Geschichte auch in internationalen Nachrichtendiensten zu lesen war.

Nico Marquardt selbst macht zu seiner Arbeit widersprüchliche Angaben. Der Wert von eins zu 450 sei "eine typische Bild-Zeitungs-Übertreibung", klagt er. Er habe das nicht gesagt, doch auch der Tagespiegel zitiert diese Zahl. Bei N24 sagte der Junge, die Gefahr steige "um 20 bis 30", ohne eine Einheit zu nennen. Der SZ erklärte er, die Chance eines Einschlags liege nun ungefähr bei eins zu 44.998. Der Wert ändere sich ständig. Genaueres wolle er nicht sagen, weil es auch um Patente gehe.

Ob der Asteroid beim Vorbeiflug an der Erde einen Satelliten treffen wird, hatte im Übrigen auch schon das Jet Propulsion Lab der Nasa untersucht. Frank Spahn gibt die Wahrscheinlichkeit dafür mit eins zu einer Milliarde an.

© SZ vom 17.4.2008/mcs
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