Tiefer Fall Max-Planck-Direktorin Tania Singer verlässt Institut

Meditationsforscherin Tania Singer während einer SZ-Veranstaltung im Jahr 2014.

(Foto: Johannes Simon)
  • Die Psychologin und Neurowissenschaftlerin Tania Singer wird als Direktorin der Abteilung Soziale Neurowissenschaften des Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig abtreten.
  • Ihre Arbeit wird sie als "Wissenschaftlerin ohne Leitungsfunktion außerhalb des Leipziger Instituts in kleinem Rahmen fortsetzen", teilte die Max-Planck-Gesellschaft mit.
  • Singer soll über Jahre Mitarbeiter und Doktoranden gemobbt und eingeschüchtert haben.
Von Christian Weber

Welche Ironie: Sie gilt als eine weltweit führende Empathie-Forscherin, jetzt muss sie ihren Posten räumen - wegen fehlender Empathie. Die Psychologin und Neurowissenschaftlerin Tania Singer wird als Direktorin der Abteilung Soziale Neurowissenschaften des Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig abtreten und wird ihre Arbeit in Zukunft nur noch als "Wissenschaftlerin ohne Leitungsfunktion außerhalb des Leipziger Instituts in kleinem Rahmen fortsetzen", wie Max-Planck-Sprecherin Christina Beck bestätigte. Eine im September 2018 eingesetzte Kommission habe im November einen Bericht vorgelegt, der ihr "erhebliches Führungsfehlverhalten bestätigt", so Beck. Die Kommission habe jedoch "keinen Anlass gesehen, ein Verfahren wegen Wissenschaftlichen Fehlverhaltens einzuleiten".

Tania Singer, 48, hatte in den vergangenen Jahren Prominenz auch außerhalb der wissenschaftlichen Welt erlangt. Sie erregte Aufsehen mit ihren interdisziplinären Studien zu den Grundlagen sozialer Emotionen wie Empathie, Neid, Fairness oder Rache. Seit 2013 leitete sie am Leipziger MPI unter anderem das ReSource Projekt, eines der größten Forschungsvorhaben überhaupt zu den Auswirkungen von Meditation auf das Gehirn. Auf Veranstaltungen wie dem Weltwirtschaftsforum in Davos forderte sie regelmäßig mehr Mitgefühl auch in Wirtschaft und Gesellschaft.

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Dieses fehlte ihr aber offenbar im eigenen Labor. Das Wissenschaftsmagazin Science und das Online-Portal BuzzFeed berichteten im Sommer dieses Jahres, dass Singer über Jahre Mitarbeiter und Doktoranden gemobbt und eingeschüchtert hatte. Insbesondere schwangere Frauen seien von ihr angeschrien und unter Druck gesetzt worden, weil sie als Arbeitskräfte ausfielen, berichteten Mitarbeiter im Schutz der Anonymität. Obwohl Singer die meisten Vorwürfe als "haltlos" abstritt, scheint die Kommission zu einer anderen Ansicht gekommen zu sein. Nicht bestätigt hat sie Vorwürfe, dass Singer ihre Mitarbeiter gedrängt habe, ihre Forschungsergebnisse an ihre Hypothesen anzupassen, somit hätte wissenschaftliches Fehlverhalten vorgelegen.

Der Affäre Singer war erst im Februar dieses Jahres ein ähnlicher Fall am Max-Planck-Institut für Astrophysik in Garching bei München vorausgegangen. Dort wurden der Direktorin und Leibniz-Preisträgerin Guinivere Kauffmann Mobbing, Machtmissbrauch und rassistische Ausfälle vorgeworfen. Sie konnte sich jedoch auf ihrer Stelle halten.

Kritiker machen für Vorkommnisse wie in Leipzig und Garching auch strukturelle Gründe in der Organisation der Max-Planck-Institute verantwortlich. So werden die Direktoren nach dem sogenannten Harnack-Prinzip berufen, benannt nach dem ersten Präsidenten der Kaiser-Wilhelm Gesellschaft, der Vorläuferorganisation der Max-Planck-Gesellschaft. Es erlaubt einem einmal ernannten Direktor, allein nach seiner Intuition Forschungsschwerpunkte zu setzen, Gelder zu verteilen und Personalfragen zu entscheiden. Diese große Machtfülle ist eine große Attraktion für international renommierte Forscher, kann aber womöglich auch missbraucht werden.

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