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Mathematikerin Maryam Mirzakhani:Auf dem Gipfel der Geometrie

First woman to win Fields Medal in mathematics

Mathe? Kein Problem für Maryam Mirzakhani.

(Foto: dpa)

"Je mehr Zeit ich auf Mathematik verwende, umso begeisterter werde ich": Die Iranerin Maryam Mirzakhani hat als erste Frau die Fields-Medaille erhalten. Ihre Forschung bewegt sich in einem Gebiet, in dem viele scheitern.

Ihre erste Erinnerung an Mathematik verdanke sie einer Erzählung ihres großen Bruders, hat Maryam Mirzakhani mal gesagt. Es ging darum, wie der deutsche Mathematiker Carl Friedrich Gauß - seinerzeit selbst noch ein Kind - in der Schule die Zahlen von 1 bis 100 addiert haben soll. Weil 1+100 das Gleiche ergibt wie 2+99, wie 3+98 und so weiter, bis 50+51, nämlich 101, addierte er 50-mal paarweise und rechnete schließlich 50 mal 101: Also ergeben die Zahlen, bis 100 zusammengezählt, 5050. Fertig. Damals, als Kind in Teheran, wollte Mirzakhani noch Schriftstellerin werden, sie las jedes Buch, das sie in die Hände bekam. Aber die Schönheit von Gauß' Lösung faszinierte sie. Inzwischen ist die Iranerin 37 Jahre alt und Mathematik-Professorin an der US-Universität Stanford. Ihre Arbeit, für die sie am Mittwoch eine der vier diesjährigen Fields-Medaillen - die höchste Auszeichnung der Mathematik - erhielt, ist weit über Gauß' Zahlenspielerei hinausgewachsen. Sie findet in abstrakten Räumen statt, Mirzakhani misst Linien, zählt Kurven, untersucht geometrische Konstrukte. Vor allem "hyperbolische Flächen": Gebilde, die an jedem Punkt etwa wie ein Sattel gekrümmt sind.

Viele Mathematiker tun Ähnliches. In den unerforschten Gefilden der Geometrie vermuten sie noch viele Überraschungen. Aber das Fach ist kompliziert, viele scheitern. Andere gehen die Sache brachial an, rechnen wild drauflos. Sehr wenige haben die Gabe, wunderschöne und manchmal - nach harter Rechenarbeit - verblüffend einfache Lösungen zu finden, so ähnlich wie einst Gauß mit seinen Zahlen. Zu ihnen gehört Maryam Mirzakhani.

Mathematik sei wie eine lange Wanderung

Mit 17 nahm sie als eines der ersten iranischen Mädchen an der Mathematik-Olympiade teil und gewann eine Goldmedaille, später promovierte sie in Harvard. "Je mehr Zeit ich auf Mathematik verwendete, desto begeisterter wurde ich", hat Mirzakhani in einem Interview gesagt. Zeit aber braucht es, das hat sie oft erklärt; sie selbst sei eher langsam. Das Tollste sei ja der Aha-Moment, wenn man wie auf einem Gipfel mit Aussicht stehe; "aber meistens ist es wie eine lange Wanderung ohne Pfad und ohne Ziel in Sicht". Man könnte verzagen, wenn so eine Tour Jahre dauert. Aber Mirzakhani ist laut Kollegen eine gute Wanderpartnerin: ausdauernd, bescheiden, humorvoll und "ansteckend optimistisch", dass es einen Weg gibt. Irgendwo hat sie dann auch meist einen gefunden, oft in einem anderen Gebiet als erwartet.

Die Internationale Mathematische Union vergibt alle vier Jahre Fields-Medaillen, sie gelten als der Nobelpreis der Mathematik. Mirzakhani ist die erste Frau, die sie erhält. Das könnte auch daran liegen, dass Preisträger nicht älter als 40 sein dürfen, was schlecht ist für Frauen, die ihre Karriere für Kinder drosseln. Mirzakhani hat mit ihrem Mann, einem Informatiker, eine drei Jahre alte Tochter. Vielleicht denke die, ihre Mutter sei Malerin, hat Mirzakhani kürzlich gesagt: weil sie beim Grübeln stets Bilder kritzele.