ABC-Vermutung:Mochizukis Arbeit spaltet die Mathematiker-Gemeinde

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Ob so etwas auch mit Mochizukis Arbeit gelingen wird, ist jedoch fraglich. Offenbar hat er seinen Beweis bei einer der japanischen Zeitschriften eingereicht, in denen auch seine früheren Arbeiten erschienen sind. Das mag verschiedene Gründe haben. Aber eine Veröffentlichung dort hätte nicht annähernd das gleiche Gewicht wie in einem der internationalen Flaggschiffe.

Mochizuki selbst spricht nicht mit Journalisten, auch auf eine SZ-Anfrage hat er nicht reagiert. Auf seiner Website, auf der er sich als "Inter-Universaler Geometer" vorstellt, weist Mochizuki potenzielle Bewerber um Forschungsstellen kühl darauf hin, dass die offizielle Sprache am Institut Japanisch sei. Das möge manchen als ärgerliches Hindernis erscheinen, aber erstens gebe es international keinerlei Knappheit an englischsprachigen Instituten. Und im Übrigen sei die japanischsprachige mathematische Tradition in Kyoto ein wertvolles kulturelles Erbe für die ganze Welt. Wenn das Ziel sein sollte, sich diese Welt nach Möglichkeit vom Hals zu halten, sind diese Worte vermutlich ganz gut gewählt.

Mittlerweile ist die Mathematikergemeinde fast hoffnungslos gespalten. Auf der einen Seite steht Mochizuki mit seinen Anhängern; einige wenige behaupten, den Beweis verstanden zu haben. Andere sind zumindest von der Genialität der Arbeit überzeugt und wühlen sich weiter durch die Notation. Taylor Dupuy zum Beispiel, ein junger Mathematiker an der University of Vermont. Mit Kollegen veranstaltet er im September eine weitere Konferenz über Mochizukis Arbeit, sein Enthusiasmus ist ungebrochen. "Es sind so viele neue Ideen, so viel, was man damit tun kann", sagt er. "Und es ist viel Arbeit, aber wir kommen voran."

Die ersten beiden Teile von Mochizukis Arbeit seien einigermaßen verstanden, der vierte auch, nur beim dritten und zentralen sei man noch am Anfang. Und das Treffen in Kyoto habe viel gebracht. Mochizukis Vorträge sind zwar weltberühmt für ihre einzigartige Unverständlichkeit. "Aber Fragen hat er sehr gut beantwortet!", sagt Dupuy. Klar, die Sprache sei kompliziert. Aber manches davon sei wohl nötig, wenn man etwas völlig Neues sagen wolle.

Das jedoch betrachten viele Experten anders, und sehen nicht ein, dass sie Jahre ihres Lebens und ihrer Karriere in dieses Gewirr investieren sollen. Jakob Stix zum Beispiel glaubt nicht, dass Mochizukis eigene Mathematik-Sprache wirklich nötig ist.

"Vieles wird mit neuen, blumigen Worten gesagt, über allem liegt eine Firnschicht der Vernebelung", sagt er. "Das macht es so schwierig."

Eigentlich, meint er, müsste man ein Team aufstellen, das den Beweis prüft; ein paar junge, motivierte Leute, ein paar Experten, die sich über Jahre mit nichts anderem beschäftigen. Wieso eigentlich nicht? "Mathematische Forschung ist so billig, für andere Dinge geben wir Milliarden aus", sagt Stix. Aber so, auf gut Glück und allein, ist es ein Risiko, sich in Mochizukis Arbeit festzubeißen, gerade wenn man noch keine feste Stelle hat. Im besten Fall gehen die Lorbeeren an Mochizuki; im schlechtesten Fall war alles umsonst.

Er müsse das besser erklären, findet sein Doktorvater

Auch Gerd Faltings klingt müde, wenn man ihn nach Mochizukis Arbeit fragt. Sein Wort hat Gewicht, denn er ist nicht nur Direktor am Bonner Max-Planck-Institut für Mathematik und einziger deutscher Träger der renommierten Fields-Medaille, sondern auch noch Mochizukis Doktorvater. Grundsätzlich traut Faltings seinem ehemaligen Schüler durchaus zu, die ABC-Vermutung zu beweisen. "Aber wenn er sich nicht mehr Mühe gibt, das zu erklären, dann hat es keinen Zweck, dann wird das in der Luft hängen bleiben", sagt er. In Kyoto war er nicht mehr dabei: Der erste Workshop in Oxford habe ihn zu sehr enttäuscht, klüger sei er da nicht geworden.

Tisch heißt Teppich, Stuhl heißt Wecker, Bett heißt Bild. In der Geschichte von Peter Bichsel hat der Mann am Ende so große Mühe, sich noch mit anderen Menschen zu verständigen, dass er nur noch mit sich selbst spricht. Es ist eine sehr traurige Geschichte.

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