Massenaussterben Alle 200 Millionen Jahre droht im Schnitt ein Asteroideneinschlag

Ein wenig Hoffnung

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Unter den Proben, die Alvarez untersuchte, war zufällig auch eine dünne Tonschicht, die aus der Zeit vom Übergang zwischen Kreide und Tertiär vor 65 Millionen Jahren stammte. Zur Überraschung des Teams enthielt sie sehr viel Iridium. Viel zu viel, um den Wert allein mit der Sedimentationsgeschwindigkeit erklären zu können. Die naheliegende Schlussfolgerung: Ein Asteroid musste auf der Erde eingeschlagen sein und seine Iridium-Fracht weltweit verteilt haben - eine unvorstellbare Katastrophe. Zu jener Zeit starben mit den Dinosauriern rund 76 Prozent aller Tier- und Pflanzenarten aus. Da lag es nahe, auch die anderen Massenaussterben einem Asteroiden anzulasten, zumal auf der Erde immer mehr Einschlagkrater gefunden wurden. Die Zahl der Treffer liegt derzeit laut "Earth Impact Database" bei 184.

Man schätzt, dass etwa alle 200 Millionen Jahre mit einem Einschlag vom Dino-Kaliber zu rechnen ist. Für das größte Desaster vor 251 Millionen Jahren gilt allerdings ausgedehnter Vulkanismus als wahrscheinlichste Ursache. Damals wurde im heutigen Sibirien ein Gebiet von der vierfachen Größe Frankreichs unter einer kilometerdicken Lavaschicht begraben, die zu Basalt erstarrte. Das Klima änderte sich dramatisch, die Temperaturen stiegen. Schwefelwasserstoff und Kohlendioxid reicherten sich in der Luft und im Wasser an. Die Weltmeere versauerten und kippten wahrscheinlich sogar in weiten Teilen um, so dass alle Tiere, die auf Sauerstoff angewiesen waren, erstickten. Der Meeresboden war bald mit Kadavern übersät. Noch heute findet man in den Alpen braune Gesteinsschichten, die nichts anderes sind als die Reste dieses Massengrabs. Sie wurden bei der Auffaltung des Gebirges vom Meeresgrund bis in die Alpenspitzen gehoben. Aber auch an Land starben die meisten Arten aus, darunter gewaltige Insekten wie die Riesenlibelle.

Wie schnell der Tod damals kam, lässt sich nur schwer rekonstruieren. Dafür ist die Beweislage zu dürftig. Der amerikanische Professor Sam Bowring vom Massachusetts Institute of Technology hat das Verhältnis von Uran zu Blei in Zirkonkristallen zur Datierung genutzt. Diese geologische Uhr läuft recht zuverlässig, da radioaktives Uran mit konstanter Rate zu Blei zerfällt. Das Ergebnis: Der Tod kam in einem Zeitraum von höchstens 68 000 Jahren, plus/minus 48 000 Jahre - für geologische Verhältnisse ein Wimpernschlag. Auf einen langsamen Wandel kann sich die Natur einstellen, sei es durch eine Verschiebung der Ausbreitungsgebiete oder durch Mutationen. Derzeit kann man fast überall auf der Welt beobachten, wie Tiere und Pflanzen den steigenden Temperaturen ausweichen und nach Norden oder hoch in die Berge wandern. "Afrikanische Vögel findet man heute in Italien", sagt Evolutionsbiologe Axel Meyer von der Universität Konstanz.

Insgesamt blieb die Natur erstaunlich robust

Das Tempo des Aussterbens spielt eine entscheidende Rolle, wenn man die heutigen Ereignisse mit denen der Vorzeit vergleichen will. Als die Dinosaurier starben, kam das Verhängnis quasi über Nacht. Tiere, die die ersten Minuten nach dem Einschlag überlebt hatten, bekamen meist nur eine kurze Galgenfrist von Tagen oder Monaten. Heiße Auswurfprodukte fackelten die Vegetation weltweit ab und vergifteten die Atmosphäre und den Boden. Zudem verdunkelten die Explosionswolken wochenlang die Sonne. So brachen die Nahrungsketten zusammen: Nach den Pflanzen starben die Pflanzenfresser und schließlich die Räuber. Tiere mit großem Appetit waren in diesen Hungerzeiten am schlimmsten dran. Die besten Überlebenschancen hatten kleine Tiere, die sich vielseitig ernährten und im Schutz von Höhlen wohnten - vor allem kleine Säuger.

Die heutige Situation ist zwar weit weniger dramatisch, doch es gibt Parallelen: Auch jetzt haben vor allem große Tiere Probleme zu überleben, denn auch für sie wird das Futter knapp. Allerdings steckt der Mensch dahinter, der seinen tierischen Konkurrenten die Nahrung und den Lebensraum streitig macht. Freilich ist die absolute Zahl ausgestorbener Tiere und Pflanzen bisher noch gering. Von allen Arten sind in den letzten 500 Jahren etwa ein bis zwei Prozent verschwunden. Genaue Zahlen sind nur schwer zu ermitteln, man weiß nicht einmal, wie viele Spezies auf der Welt leben. Beschrieben sind rund 1,9 Millionen. Bei der Gesamtzahl reichen die Schätzungen von 3,6 Millionen bis weit über 100 Millionen. Ein bis zwei Prozent Verlust kann sich nicht messen mit den 75 bis 96 Prozent bei den "Big Five".

Die Baustopper

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Doch wenn es um die Aussterberate geht, also um das Tempo des Verschwindens, ergibt sich eine neue Perspektive. Die Weltnaturschutzunion IUCN geht davon aus, dass die derzeitige Rate 1000- bis 10 000-fach über dem Hintergrundaussterben liegt, also über dem, was ohne den Menschen passieren würde. Nach ihren Berechnungen verschwinden Tag für Tag etwa 100 Arten für immer. Auch die Zahl der Individuen schrumpft bei den meisten Tierarten besorgniserregend, wie die sogenannten Roten Listen bedrohter Arten belegen. Nach Angaben der IUCN gelten 22 Prozent der Säugetiere als gefährdet, 20 Prozent der Reptilien und mindestens 31 Prozent der Amphibien. Wenn ein intelligentes Wesen in 100 Millionen Jahren die fossile Überlieferung unserer Zeit studiert, wird es wahrscheinlich von einem Massenaussterben sprechen. Denn der Unterschied zwischen ausgestorbenen und gefährdeten Arten verschwindet mit den Jahrmillionen, weil nur ganz wenige Tiere und Pflanzen nach ihrem Tod erhalten bleiben und versteinern - und dann auch gefunden werden können.

Von Elefanten, Tigern, Nashörnern, Meeresschildkröten, Hyazinth-Aras und vielen anderen Arten wird es keine Reste geben, dafür sind ihre Bestände einfach zu klein geworden. Vielleicht wird man später die Versauerung der Ozeane oder den Klimawandel für den Schwund verantwortlich machen, denn dafür wird man Indizien finden. Unabhängig davon, ob wir uns nun in einer Phase des Massenaussterbens befinden oder darauf zusteuern, eines zeigen die Fossilien der "Big Five" auch - und das macht Hoffnung: Selbst wenn eine einzelne Art verschwand, hat sich die lebendige Natur insgesamt als ausgesprochen robust erwiesen. Egal, wie heftig ein Schlag für das Leben auf der Erde ausfiel, es hat sich bislang immer wieder davon erholt.