Planetenforschung:Tiefer Blick in den Mars

Aufbau des Mars

Großer, flüssiger Kern, fester Mantel, dünne Kruste - das Innere des Mars ähnelt dem der Erde.

(Foto: IPGP / David Ducros)

Seismische Messungen der Raumsonde "Insight" enthüllen, wie der Rote Planet im Inneren aufgebaut ist: ähnlich wie die Erde - aber ohne eine entscheidende Zutat für Leben.

Von Joachim Laukenmann

Während sich der Mars-Rover Perseverance der US-Weltraumbehörde Nasa darauf vorbereitet, oberflächliche Gesteinsproben zu nehmen, blickt Insight in die Tiefe. Das Gerät ist im November 2018 nahe am Marsäquator gelandet. Seitdem hat der Erdbebensensor von Insight sein Ohr auf dem Marsboden. Ähnlich wie ein Arzt mit dem Stethoskop in einen Patienten hört das Seismic Experiment for Interior Structure (Seis) ins Innere des Mars hinein. Mehr als 1000 Marsbeben hat der kuppelförmige Detektor mittlerweile registriert.

Nun berichten mehrere internationale Forscherteams, was diese Signale über das Innere des Mars erzählen. Vereinfacht ausgedrückt besitzt der Mars eine unerwartet dünne Kruste, einen recht dicken festen oberen Teil des Mantels und einen viel größeren und leichteren Kern als gedacht. Drei im Fachmagazin Science publizierte Artikel erläutern die Details.

Die Forscher wollen wissen: Droht der Erde ein ähnliches Schicksal wie ihrem Nachbarn?

"Obwohl Mars und Erde bei ihrer Entstehung recht ähnliche Himmelskörper waren, hat der Mars eine ganz andere Entwicklung durchgemacht als die Erde", sagt Domenico Giardini, Professor für Seismologie und Geodynamik an der ETH Zürich, der die Studien leitet und an allen drei Publikationen beteiligt ist. "Letztlich wollen wir besser verstehen, warum das so ist und ob der Erde ein ähnliches Schicksal drohen könnte wie dem Mars."

Laut Giardini gingen die Forscher vor wie bei einer spielerischen Schatzsuche: Sie mussten zunächst die erste Station finden. Diese enthielt Erkenntnisse über den Mantel des Mars und Hinweise auf den Weg zur zweiten Station: den Planetenkern. Und so weiter. Der zu bergende Schatz ist das Verständnis von der Entstehung und Entwicklung des Roten Planeten.

Planetenforschung: Das Seis-Instrument des Mars-Rovers "Insight" liegt auf der Oberfläche des Mars auf und misst Erschütterungen.

Das Seis-Instrument des Mars-Rovers "Insight" liegt auf der Oberfläche des Mars auf und misst Erschütterungen.

(Foto: NASA / JPL-Caltech)

Die erste große Etappe bestand darin, überhaupt Genaueres über die tiefer liegenden Strukturen des Mars zu erfahren. Von den stärkeren Beben konnten die Forschenden nur sogenannte Raumwellen detektieren, die ins Innere des Mars laufen. Dort, wo sich die Struktur ändert, werden die Raumwellen reflektiert und gelangen teils bei Seis an die Oberfläche. Diese starken Beben lösten jedoch keine sogenannten Oberflächenwellen aus. Den Grund vermuten die Forscherinnen und Forscher darin, dass die Beben zu schwach und etwas zu tief sind. Damit fehlte eine entscheidende Informationsquelle: Erst aus der Kombination beider Wellentypen lässt sich Genaueres über die Ausbreitungsgeschwindigkeit der Wellen und die Eigenschaften der inneren Schichten des Mars aussagen.

"Wir haben mehr als ein Jahr für die Lösung dieses Problems gebraucht", sagt Giardini. Sie bestand darin, von den 43 bis dato registrierten starken tiefen Marsbeben das knappe Dutzend mit den klarsten Signalen genauer zu untersuchen. Denn diese wurden wie ein Echo mehrmals zwischen den inneren Strukturen des Mars und der Marsoberfläche hin und her reflektiert. "Aus diesen Echos konnten wir Informationen über die Ausbreitungsgeschwindigkeit und damit über die Chemie und Temperatur des Mantels ableiten", sagt Amir Khan, leitender Autor der entsprechenden Studie.

Das war die erste Station der Schatzsuche. Sie gab Auskunft über den Aufbau des Mantels bis in eine Tiefe von rund 800 Kilometern. Bis in eine Tiefe von 500 Kilometern ist der Mantel demnach sehr starr und gehört damit zur sogenannten Lithosphäre des Planeten. "Insgesamt ist der Mantel des Mars eine simplere Version vom Mantel der Erde", sagt Khan. "Über den tieferen Mantel bis in eine Tiefe von rund 1500 Kilometern wissen wir aber noch wenig."

Nachdem die Ausbreitungsgeschwindigkeit der Wellen im Mantel bekannt war, konnten die Forschenden gezielt nach Wellen suchen, die vom Kern reflektiert wurden. Dafür hielten sie nach speziellen Raumwellen Ausschau, den sogenannten Scherwellen. Diese können sich nicht in Flüssigkeiten ausbreiten. Sie dringen daher auch nicht in einen flüssigen Planetenkern ein. Es wurde zwar schon erwartet, dass der Kern des Mars aus flüssigem Eisen und Nickel besteht. "Jetzt wissen wir es mit Sicherheit", sagt Giardini.

Warum haben leichte Elemente wie Schwefel und Wasserstoff den Kern verschmutzt?

Der Radius des Kerns beträgt rund 1830 Kilometer, wie die Forschenden in Science berichten. Das ist etwas mehr als die halbe Strecke von der Oberfläche zum Zentrum des Planeten - ein ähnliches Größenverhältnis zwischen Kern und ganzem Planeten wie bei der Erde. Damit ist der Kern des Mars erstens größer und zweitens viel leichter als gedacht. Das bedeutet: "Neben den schweren Elementen wie Eisen und Nickel müssen noch leichtere Elemente wie Schwefel, Kohlenstoff, Sauerstoff und Wasserstoff im Kern vorhanden sein", sagt Simon Stähler vom Institut für Geophysik der ETH Zürich, leitender Autor der Kern-Studie. Eine große Frage lautet nun: Wie konnten diese leichten Elemente in den Kern gelangen? Ein Teil der Erklärung ist laut Stähler, dass der Mars früher entstanden ist als die Erde und aus anderem Material besteht.

Der flüssige Planetenkern stellt die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler noch vor ein weiteres Rätsel: Dieser sollte eigentlich ein Magnetfeld erzeugen. "Rund eine Milliarde Jahre lang war das Magnetfeld auf dem Mars sehr aktiv", sagt Giardini. "Dann ist es verschwunden. Wir wissen nicht, warum."

Planetenforschung: In der Region Cerberus Fossae haben Forscher einige der bislang stärksten Marsbeben gemessen.

In der Region Cerberus Fossae haben Forscher einige der bislang stärksten Marsbeben gemessen.

(Foto: NASA/JPL-Caltech/University of Arizona)

Jetzt suchen die Forscher nach Signalen von Beben auf der anderen Seite des Planeten, deren Wellen den Kern durchdringen, um mehr über ihn zu erfahren. Denn das fehlende Magnetfeld ist ein entscheidender Faktor dafür, dass sich der Mars von der Erde unterscheidet: Ohne Magnetfeld gibt es keinen Schutz vor dem Sonnenwind. Dieser hat die einst vorhandene Atmosphäre des Mars nach und nach in den Weltraum hinausgeblasen und stark ausgedünnt.

Die dritte Studie handelt von der Kruste des Mars. Dazu untersuchten Forscherinnen um Brigitte Knapmeyer-Endrun von der Erdbebenstation Bensberg der Universität Köln eher schwache Beben mit hochfrequenten Signalen. Deren Ursprung liegt in geringer Tiefe in der Kruste. Diese Beben werden in der Kruste regelrecht gefangen und pflanzen sich nahezu ungedämpft fort.

Die Studien helfen, andere Planeten und Exoplaneten besser zu verstehen

"Es hat sich gezeigt, dass die Kruste viel dünner ist als erwartet", sagt Giardini. Sie weist eine Dicke zwischen 24 und 45 Kilometern auf. Modelle hatten eine Dicke zwischen 30 und 90 Kilometern nahegelegt.

"Diese drei Studien schränken die möglichen inneren Strukturen des heutigen Mars stark ein", schreiben Sanne Cottaar und Paula Koelemeijer von der University of Cambridge in einem ebenfalls in Science erschienenen Artikel, der die drei Studien einordnet. "Das verbessert unser Verständnis davon, wie der Planet vor Milliarden Jahren gebildet wurde und wie er sich mit der Zeit entwickelt hat." Laut Stähler sind die aktuellen Studien sehr nützlich, um die Modelle zur Planetenentstehung zu validieren. "Das hilft uns, auch andere erdähnliche Planeten oder Exoplaneten besser zu verstehen, auf denen wir niemals landen und ein Seismometer betreiben werden können." Eine weitere, noch zu findende Station ist laut Giardini die genaue Verteilung des Wassers. An den Polen sind Vorkommen bekannt. Unklar ist aber, in welchen Tiefen und in welchen Mengen Wasser im Innern des Mars vorhanden ist.

© SZ
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