Marodes Erdgasnetz Explosionsgefahr unter Washington

Die Methankonzentrationen unter Washington, D.C. erreichen schwindelerregende Höhen

Gefährliche Mischung im Untergrund Washingtons: Aus 6000 Erdgaslecks strömt Gas aus, es herrscht Explosionsgefahr. Für die USA wird die marode Infrastruktur zur Blamage.

Von Patrick Illinger

Löcher in der Fahrbahn, zerfetzte Lkw-Reifen auf dem Highway und elektrische Installationen, die ganz und gar nicht VDE-konform aussehen. Besucher aus Mitteleuropa wundern sich häufig, wenn sie die Hightech-Nation USA bereisen, über die Zustände der dortigen Infrastruktur. Ist das nur ein äußerer Eindruck? Steckt hinter der mitunter provisorisch oder vernachlässigt wirkenden Infrastruktur in Wahrheit ein Geflecht aus sicheren und bestens gewarteten Verkehrs-, Gas- und Stromnetzen? Offenbar nicht, wie nun eine Studie in der Fachzeitschrift Environmental Science & Technology ahnen lässt.

Spezialisten der Duke University in North Carolina sowie der Boston University waren beauftragt, sämtliche Straßenzüge der amerikanischen Hauptstadt Washington nach Spuren von Erdgas abzusuchen. Das Ergebnis müsste die Stadtverwaltung gewaltig aufschrecken, wenn nicht gar das Heimatschutz-Ministerium auf den Plan rufen.

Fast 6000 Gaslecks entdeckten die Forscher im Bereich des District of Columbia, dem Verwaltungsbezirk, auf dem die US-Hauptstadt liegt. An genau 5893 Stellen unter den Straßen der Stadt wurde ausströmendes Gas entdeckt. In manchen Wartungsschächten lag die Methan-Konzentration zehnmal so hoch wie der Schwellenwert, ab dem Explosionsgefahr herrscht.

In anderen US-Städten das gleiche Problem

Mit akademischer Höflichkeit und doch unmissverständlichen Worten bemängeln die Forscher zudem, dass sie Monate nach einem ersten Bericht an die kommunalen Behörden im Zuge einer neuerlichen Nachforschung noch immer neun Lecks fanden, aus denen beträchtliche Mengen Gas ausströmten. "Diese Lecks ein zweites Mal zu finden, vier Monate nachdem wir das erste Mal auf sie hingewiesen hatten, war doch sehr überraschend", sagt Robert Jackson, Umweltwissenschaftler der Duke University. Ein klarer Seitenhieb.

Aus dem größten von den Wissenschaftlern entdeckten Leck strömten täglich fast 40.000 Liter Gas aus - genug, um eine ganze Handvoll Privathaushalte zu versorgen. Drei weitere Löcher entließen je mehr als 9000 Liter pro Tag in die Umwelt. Insgesamt hatten die Forscher in Zusammenarbeit mit einer auf Gassicherheit spezialisierten Firma Washingtons Straßennetz auf einer Länge von 2400 Kilometern nach Gasspuren abgesucht. Viele der fast 6000 Lecks waren allerdings sehr klein. Eine ähnliche Häufigkeit von Gaslecks hatten die Forscher zuvor bereits in Boston entdeckt. Daraus schließen sie, dass höchstwahrscheinlich viele amerikanische Städte von dem Problem betroffen sind.

Rohre aus Gusseisen

Im Schnitt kosten Gasunfälle in den USA jährlich 17 Menschen das Leben. Gebäudeschäden belaufen sich zudem auf rund 130 Millionen Dollar. Neben der konkreten Gefahr für Leib und Leben ist das ausströmende Gas aber auch eine Belastung für die Umwelt und den amerikanischen Steuerzahler. Methan, ein wichtiger Bestandteil des Erdgases, hat einen rund 20 Mal so starken Treibhauseffekt wie das oft zitierte Kohlendioxid. Zudem entweicht Hochrechnungen zufolge landesweit jährlich Gas im Wert von rund drei Milliarden US-Dollar.

So wie in Washington und Boston haben viele Städte in den USA ein veraltetes Leitungssystem, dessen Rohre oft noch aus Gusseisen bestehen. Eine Studie aus dem Jahr 2009 hatte ergeben, dass die alten Leitungen zwar nur drei Prozent des gesamten Gasnetzes der USA ausmachen, aber für ein Drittel des gesamten Gasverlusts verantwortlich sind.

An diesen Stellen fanden die Forscher die Lecks im Erdgasnetz

(Foto: Duke University)