SZ-Klimakolumne:Besser ärgern

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SZ-Klimakolumne: Klimaaktivisten, die sich an der Straße festkleben, haben in den vergangenen Wochen für viel Aufregung gesorgt.

Klimaaktivisten, die sich an der Straße festkleben, haben in den vergangenen Wochen für viel Aufregung gesorgt.

(Foto: Lennart Preiss/dpa)

Klar, man kann sich über Markus Lanz, Sekundenkleberaktivismus oder Kartoffelbrei aufregen. Es gäbe aber bessere Anlässe.

Von Marlene Weiß

Ich weiß nicht, ob Sie manchmal auf Twitter sind, wo man so schön dem Rauschen der Empörungswellen lauschen kann. Ich kann es nicht uneingeschränkt empfehlen, weil man dann doch leicht versucht ist, sich auch aufzuregen. Über die Empörung oder über ihren Anlass oder einfach über die vielen Bekloppten auf der Welt und besonders auf Twitter, das ist eigentlich egal, Ärger ist jedenfalls nicht gesund, und wer sich auf Twitter nicht über irgendwas geärgert hat, der war nicht da.

An den vergangenen Tagen hätte man sich jedenfalls mal wieder besser ferngehalten von Twitter und vom Fernsehen gleich mit, dann hätte man nämlich verpasst, wie Markus Lanz in seiner Talkshow zu einer Aktivistin von der "Letzten Generation" sehr seltsame Dinge über Gemälde sagte, die man doch in den Dolomiten vorm Weltuntergang retten könnte, statt sie mit Kartoffelbrei zu bewerfen (haben Sie auch manchmal das Gefühl, dass einfach alles immer irrer wird? Oder kommt mir das nur so vor, weil ich mich durch Twitter gescrollt habe?).

Die CO₂-Emissionen steigen, statt zu sinken, das darf doch alles nicht wahr sein

Das war natürlich ein wunderbarer Grund für sehr viele, sich mal zur Abwechslung über Lanz aufzuregen statt über die Aktivisten und ihre Festkleberei, die im Vergleich dazu tatsächlich als Stimme der Vernunft erschienen, was einem schon auch zu denken geben kann. Denn wie genau der ganze Sekundenkleber das Klima retten soll, wenn sich alle doch immer nur lustvoll über die Aktionen echauffieren (Sie merken, mir gehen die Synonyme fürs Aufregen aus, auch das ist ein bedenkliches Symptom), ist zumindest mir auch noch nicht klar geworden.

Worüber man hingegen wirklich jeden Tag von früh bis spät und eigentlich auch noch nachts verzweifeln könnte: Dass die globalen CO₂-Emissionen auch dieses Jahr wieder steigen dürften, statt zu sinken, wie es heute die Forscher vom Global Carbon Project in ihrer jährlichen Bilanz berichten. Noch nicht einmal die Richtung bekommen wir hin, das darf doch alles nicht wahr sein, und nein, die aktuelle Klimakonferenz in Scharm El-Scheich wird daran auf die Schnelle auch nichts mehr ändern. Aber klar, es ist natürlich angenehmer, sich über Markus Lanz zu entrüsten, der jungen Aktivistinnen mangelnden Optimismus vorwirft.

Dabei, schreibt meine Kollegin Nele Pollatschek, sind doch gerade Aktivisten, die sich auf Straßen kleben, die Optimistischsten von uns allen: "Sie glauben, dass man vieles noch verhindern kann, wenn man nur laut genug aufschreit."

Dieser Text stammt aus dem wöchentlichen Newsletter Klimafreitag, den Sie hier kostenfrei bestellen können.

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