Luftverschmutzung Partikel und Prognosen

Luftverschmutzung gefährdet die Gesundheit, darum sollen Gesetze die Schadstoffe bannen. Auf der anderen Seite verlangsamt Smog den Klimawandel - wie groß der Effekt ist, bleibt jedoch unklar.

Von Marlene Weiß

In zwei Wochen ist es wieder so weit: Nach sechs Jahren veröffentlicht der Weltklimarat IPCC einen neuen Bericht zum Klimawandel. Dass man keinen Wetterbericht für den Sommer 2024 erwarten sollte, dürfte den meisten Menschen klar sein. Aber wenigstens eine klare Aussage über den Stand der Forschung?

Doch schon bevor das streng geheime Papier veröffentlicht ist, zeichnet sich ab, dass bei aller Einigkeit über die Grundzüge der menschengemachten Erwärmung viele Details umstritten bleiben.

Das wird besonders deutlich beim Kapitel über die Wirkung der sogenannten Aerosolpartikel, besser bekannt als Luftverschmutzung. Stoffe also, die neben Kohlendioxid unter anderem aus Auto-Auspuffen und Fabrikschloten kommen, wenn diese nicht mit Filtern und Katalysatoren ausgestattet sind. Einige davon, etwa Ruß, tragen zwar zur Klimaerwärmung bei.

Andere dagegen, besonders Schwefelverbindungen, legen sich wie ein Schutzschild um die Erde und reflektieren einen Teil der Sonneneinstrahlung; außerdem könnten sie die Wolkenbildung fördern. Unter dem Strich kühlen diese Schwebstoffe den Planeten - je dreckiger die Luft, desto mehr. Oder andersherum: Wenn die Luft dank strengerer Gesetze sauberer wird, wie das etwa in Europa und den USA passiert ist, und wie es China dringend nötig hat, fällt die Kühlung weg, und es wird wärmer.

Feinstaub Wo der Feinstaub die Republik verseucht

Interaktive Deutschlandkarte

Wo der Feinstaub die Republik verseucht

Die Gefahr ist kleiner als 0,01 Millimeter und gerade deshalb so tückisch: Feinstaub schadet der Gesundheit. Seit Jahren sind in vielen Orten Deutschlands die gemessenen Werte zu hoch. München verschärft deshalb nun seine Umweltzone, andere Städte schaffen neue. Unsere Karte zeigt, wie hoch die Feinstaubbelastung wirklich ist und welche Regionen besonders betroffen sind.   Tobias Dorfer

Fragt sich nur: Wie viel wärmer? Darauf gibt es eine einfache und eine komplizierte Antwort. Die einfache gibt Malte Meinshausen vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. "Wenn wir die Aerosol-Emissionen sofort stoppen würden, müssten wir allein deshalb in den kommenden Jahrzehnten mit einem Temperatursprung von etwa 0,4 Grad rechnen", sagt er. 0,4 Grad Celsius wären eine Menge; bislang hat sich die Erde seit der vorindustriellen Zeit um etwa 0,8 Grad erwärmt.

Nun werden die Emissionen nicht sofort aufhören. Aber mangels einer Kristallkugel müssen Forscher Annahmen machen, die sie dann Szenarien nennen. Für den neuen Bericht wurden unter Meinshausens Mitarbeit vier neue, sogenannte "Repräsentative Konzentrations-Szenarien" (RCP) erarbeitet. Sie decken eine weite Spannbreite von möglichen Entwicklungen bei den Treibhausgasen ab, von der radikalen Kehrtwende weg von Kohle und Erdöl bis hin zum blinden Weiter-so-wie-bisher. Aber sie alle legen eine deutliche und schnelle Luftverbesserung zugrunde. Sie sagen daher eine stärkere Erwärmung voraus; kurzfristig könnte der Saubere-Luft-Effekt die gleiche Größenordnung haben wie jener von Treibhausgasen wie CO2.

Dennoch warnen Klimaforscher davor, deshalb Filter und Katalysatoren zu verdammen - und damit beginnt die komplizierte Antwort. Dann würde man den Teufel mit dem Beelzebub austreiben, sagt Meinshausen, Schon weil sich der Klimawandel nicht auf Dauer mit Aerosolen verhindern lässt: "Stickoxide und Schwefeloxide bleiben nur Tage oder Wochen in der Atmosphäre; beim nächsten Regen sind sie größtenteils wieder draußen", sagt er. Dagegen reichert sich das langlebige Kohlendioxid in der Atmosphäre stetig an. Wollte man den CO2-Ausstoß langfristig mit Smog kompensieren, müsste man also immer mehr davon ertragen.

Natürlich liegt der Gedanke nahe, die klimaschützende Nebenwirkung der Luftverschmutzung auf elegantere Weise auszunutzen. Eine Möglichkeit wäre Geo-Engineering in der Stratosphäre, wo sich die Teilchen deutlich länger halten: In etwa 20 Kilometern Höhe könnte man als eine Art globalen Sonnenschirm Sulfat-Aerosole oder Nanopartikel freisetzen. Die Idee hat prominente Fürsprecher, unter anderem den Chemie-Nobelpreisträger Paul Crutzen.

Mit solchen Überlegungen beschäftigt sich auch Hauke Schmidt, der am Hamburger Max-Planck-Institut für Meteorologie Prozesse in der Atmosphäre erforscht und am IPCC-Bericht beteiligt ist. "Wir haben jetzt ein besseres Verständnis, wie das Klima reagieren könnte", sagt Schmidt. "Ein Restrisiko wird immer bleiben, ich würde aktuell massiv davon abraten." Tatsächlich könnten die Folgen solcher Experimente verheerend sein, bis hin zu Hungersnöten, wenn der Monsun ausbleibt.

Ausschließen kann das niemand. Aerosole sind einer der wackligsten Posten, mit denen sich die IPCC-Autoren herumschlagen. Weder weiß man, wie sich der Verkehr in Indien oder die Umweltvorschriften in China entwickeln, noch ist klar, wie Aerosole genau wirken. Lange überschätzte man ihren Effekt, inzwischen wurde er kräftig nach unten korrigiert.

Dass die Teilchen Sonnenstrahlen reflektieren, ist noch einigermaßen klar. Heikel wird es bei den indirekten Effekten, etwa auf die Wolkenbildung. "Da gibt es große Unsicherheiten", sagt Schmidt. Die Aerosolteilchen können als Kondensationskeime wirken, so dass Wasserdampf in kleineren Tröpfchen kondensiert. Die gleiche Menge Wasser würde dann mehr Wolken bilden Sonnenlicht abschirmen - wie viel mehr, weiß man nicht.