Süddeutsche Zeitung

Luftverschmutzung:Zu viel Feinstaub

  • Gesundheitsfolgen durch Feinstaub haben in Deutschland und Europa in den vergangenen Jahren insgesamt leicht abgenommen. Vor allem im Osten und Süden Europas ist die Belastung jedoch noch sehr hoch.
  • Durch Stickoxide verursachte gesundheitliche Probleme sind dagegen kaum zurückgegangen.
  • Die Entwicklung zeigt, dass die bisherigen politischen Maßnahmen gegen Luftverschmutzung zwar greifen, doch bei Weitem noch nicht ausreichen.

Laut einem Bericht der Europäischen Umweltagentur EEA hat sich die Luftqualität in europäischen Städten zuletzt etwas verbessert. Vielerorts ist die Luft jedoch noch so stark verschmutzt, dass im Jahr 2016 rund 400 000 Menschen vorzeitig starben.

Bei der Zahl handelt es sich um einen rechnerisch ermittelten Wert, keinen gemessenen. Er eignet sich etwa für Vergleiche zwischen Regionen oder Zeiträumen. Die aussagekräftigere Angabe ist die der verlorenen Lebensjahre. Demnach gehen in Europa jährlich 4,2 Millionen Lebensjahre aufgrund von Feinstaub mit einem Durchmesser kleiner als 2,5 Mikrometer verloren. Die Belastung mit Stickstoffdioxid kostet die Bevölkerung 707 000 Lebensjahre. Durch die Ozonbelastung schwinden weitere 160 000 Lebensjahre.

Gegenüber den Vorjahren zeigen die EEA-Zahlen einen leichten Rückgang der Todesfälle und der verlorenen Lebensjahre. Gleichwohl werden die von der Weltgesundheitsorganisation WHO empfohlenen Grenzwerte vielerorts nicht eingehalten. Gerade in den Ballungsräumen, in Osteuropa und Norditalien ist die Belastung mit den drei wichtigsten Schadstoffen noch immer viel zu hoch. Verkehr, Energieerzeugung und Landwirtschaft sowie die Industrie sind die wesentlichen Quellen des Drecks in der Luft. Die Belastung durch Verkehr und Landwirtschaft ist nahezu konstant geblieben, während sie in den anderen Bereichen zurückgegangen ist.

Für Nino Künzli, stellvertretender Direktor des Schweizerischen Tropen- und Public-Health-Instituts, zeigt der neue Bericht, dass die von der WHO empfohlenen Höchstmengen der Luftschadstoffe eingehalten werden könnten, wenn die Politik diese Ziele vorgebe. "Am Beispiel der Stickoxide erkennt man die Bedeutung gesundheitsorientierter Zielvorgaben gut: Die Jahresmittelwerte liegen nur noch an zehn Prozent aller Messstationen über dem von der WHO vorgeschlagenen und von der EU als Grenzwert vorgegebenen Wert von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter." Ohne Betrugsskandale wäre die Situation aber noch besser.

Beim Feinstaub wiederum werden an der Mehrzahl der Messstationen noch immer Mengen ermittelt, die über dem WHO-Jahresrichtwert von zehn Mikrogramm pro Kubikmeter liegen. "Seit Jahren weigert sich die EU, diesen Richtwert gesetzlich zu verankern", sagt Künzli. Stattdessen habe die EU für Feinstaub "den von Lobbyisten propagierten - viel zu hohen - Jahresmittelwert von 25 Mikrogramm pro Kubikmeter in der Direktive verankert". Als Skandal bezeichnet Christoph Schneider, Professor für Klimageographie an der Berliner Humboldt-Universität, "die lasche Umsetzung von Maßnahmen zur Einhaltung von Grenzwerten an Tausenden von Messstellen in Europa". In Süd- und Osteuropa müssten die Emissionen flächendeckend durch Modernisierungen in der Industrie und im Verkehrssektor gesenkt werden. In West- und Nordeuropa bräuchten insbesondere die ärmeren Einwohner Schutz, die häufig an hochbelasteten Orten leben. Dazu empfiehlt Schneider Fahrverbote für ältere Dieselfahrzeuge, Tempolimits und einen raschen Umstieg auf Elektromobilität. Auch mit Holz befeuerte Öfen sind enorme Dreckschleudern, die vor allem in Städten zur Belastung der Anwohner beitragen.

Im Vergleich zu den übrigen Schadstoffquellen ist die Belastung durch die Landwirtschaft seit dem Jahr 2000 kaum gesunken. "Hier spielen vor allem die weiterhin auf hohem Niveau stagnierenden Ammoniak-Emissionen eine wichtige Rolle, weil sie eine Vorläufersubstanz für die Bildung von Feinstaub sind", sagt Barbara Hoffmann, Professorin für Umweltepidemiologie an der Universität Düsseldorf. Erfolgreiche Luftreinhaltung habe einen doppelten Nutzen, betont Hoffmann: Dadurch werde nicht nur die Gesundheit der Menschen verbessert, sondern auch das Klima geschützt.

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Quelle:
SZ vom 17.10.2019 / hach
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