Tief in den Eingeweiden des Internets befinden sich Giftschränke, in die der große Algorithmus die unzähligen Zeitvertrödelkurzvideos einsortiert. In der Abteilung „Liebe und Partnerschaft“, Unterkategorie „Dating“, legt diese digitale Wesenheit, ja, hier wird in Bildern gesprochen, kurze Clips ab, in denen sich Frauen und Männer beschweren, wie blöd das Liebeswerben in Zeiten von Tinder, Social Media und Smartphones sei. Frauen klagen in diesen Videos, es gebe weit und breit keine brauchbaren Männer, und führen aus, dass ein brauchbarer Mann größer als 1,85 Meter, gutaussehend und durchtrainiert sein müsse sowie ein hohes sechsstelliges Jahreseinkommen erwirtschaften sollte. Die Männer jaulen wiederum über unerfüllbare Ansprüche der Frauen und erklären, dass Frauen irre attraktiv sein müssen und nicht schon mit zig Männern Sex gehabt haben sollten, um für sie infrage zu kommen.
Gewiss sind diese Videos nicht repräsentativ für die Partnersuche an und für sich, da sie fast alle aus den USA stammen, wo eigene Datingregeln gelten. Wie aber hat das Internet Beziehungen und die Partnersuche weltweit verändert? Diese Frage versuchen Psychologen um Marta Kowal von der Universität Breslau, Polen, im Fachjournal Telematics and Informatics zu beantworten. Ihr Fazit nach Analyse von Daten aus 50 Ländern: Paare, die sich online gefunden haben, sind im Schnitt etwas weniger zufrieden mit ihrer Beziehung als solche, die sich im analogen Leben verliebt haben. Das liege vermutlich an den Besonderheiten der digitalen Partnersuche, so die Psychologen. Und da geben die Videoclips doch einen kleinen Hinweis, was das Problem sein könnte.
Auf Datingplattformen wird tüchtig gelogen
Die Wissenschaftler analysierten Daten von 6646 verpartnerten Personen aus 50 Ländern, wie etwa Ecuador, China, Südafrika, die USA, Deutschland, Sri Lanka, Ghana, Südkorea oder Kasachstan. Die Studienteilnehmer waren zwischen 18 und 73 Jahre alt und hatten ihre Partner in der Mehrheit (84 Prozent) im echten Leben kennengelernt. Die Unterschiede fielen jedoch groß aus: In Polen hatten 33 Prozent der Teilnehmer ihre Liebe im Netz gefunden, in Ghana waren es nur sieben Prozent. Wobei der Anteil der Online-Paare seit 2010 überall steil ansteigt.
Wer seinen Partner online gefunden hatte, gab im Schnitt eine etwas geringere Zufriedenheit zu Protokoll. Auch die empfundene Liebe, aufgeteilt in die Dimensionen Intimität, Leidenschaft und Bindung, fiel ein winziges bisschen kühler aus. Vermutlich treibe die Illusion des Angebotsüberflusses auf Datingportalen diese, wenn auch kleinen, doch signifikanten Effekte an, so die Psychologen um Kowal. Dadurch finde die Suche selbst im Fall eines Erfolges kein Ende, es sei ja stets möglich, dass doch noch ein besserer Partner auf einen warte – schöner, größer, reicher. Zudem glichen sich Paare in ihren Werten und Ansichten stärker, wenn sie sich in der Arbeit, über Freunde oder anderswo in der realen Welt kennengelernt haben. Auf Datingportalen stünden hingegen Alter, Aussehen, Größe, Beruf und Einkommen im Vordergrund, so die Psychologen, und da werde tüchtig gelogen.

