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Lichtverschmutzung:Wenn der Mensch der Natur die Nacht stiehlt

Lichtverschmutzung

Fast nirgendwo in Deutschland lässt sich die Milchstraße so gut beobachten wie am Stechlinsee. Er gilt als einer der dunkelsten Orte.

(Foto: Andreas Jechow)

Am Stechlinsee in Brandenburg ist es so dunkel wie nur an wenigen Orten Europas. Dort untersuchen Forscher, wie die Lichtverschmutzung ganze Ökosysteme durcheinanderbringt.

Noch taucht die Abenddämmerung den Stechlinsee in rosa-weiches Herbstlicht, noch ist der Mond nicht mehr als eine sachte Andeutung am Himmel, unter ihm schimmert das Wasser scheinbar bewegungslos wie eine silbergraue Folie im letzten Sonnenlicht des Tages. Doch schon bald wird es hier nicht nur dunkel sein - sondern stockfinster. Dann wird der Biologe Gabriel Singer aufstehen, herzhaft gähnen und noch etwas schlaftrunken, aber doch zügig seine Butterbrotbox packen; Vollkornbrot, ein großes Stück Gebirgskäse, ein klein geschnittener Apfel.

Zeitgleich werden sich fünf junge Kollegen aus ihren Betten quälen, ein sechster wird heute verschlafen, trotz der drei Wecker, die er sich gestellt hatte. Doch es gilt, keine Zeit zu verlieren, die anderen müssen sich beeilen und noch die nötigen Utensilien aus dem Geräteschuppen zusammensuchen, bevor sie in einem kleinen Motorboot hinüberschiffen zu ihrem Experiment mitten im See, das aussieht, als hätte jemand ein achteckiges, beleuchtetes Ufo mit darin eingelassenen Kreisen ins Wasser gesetzt. Die Uhr zeigt 5.30 Uhr. Für Gabriel und seine Kollegen beginnt genau jetzt der Arbeitstag.

"Und nun setzten wir uns an den Rand eines Vorsprungs und horchten auf die Stille"

Schon der Dichter Theodor Fontane beschrieb einst den Stechlin bei Tage in seinem gleichnamigen Roman. "Und nun setzten wir uns an den Rand eines Vorsprungs und horchten auf die Stille. Die blieb, wie sie war: kein Boot, kein Vogel; auch kein Gewölk. Nur Grün und Blau und Sonne." Der Blick, den Fontane auch des Nachts auf den See in Brandenburg hatte, dürfte nicht viel anders gewesen sein als jener, der sich dem nächtlichen Besucher von heute offenbart. Kein Großstadtlicht dringt vom knapp 90 Kilometer entfernten Berlin hindurch, kein Geräusch und kein Lampenschein vom angrenzenden Dörfchen Neuglobsow hinüber, wo zu Fontanes Zeiten die Arbeiter einer nahegelegenen Glashütte lebten und heute in den Sommermonaten Touristen ihr Quartier beziehen.

Nur der schmale Turm des ehemaligen Kernkraftwerks Rheinsberg, der über dem Wald seine dunkle Silhouette in den Himmel schiebt, verrät dem Betrachter, dass der Stechlinsee doch nicht allein von Einsamkeit umgeben ist. Dieser liegt in einem Naturschutzgebiet - und in Dunkeldeutschland: Nur noch an wenigen Orten Europas ist das Schwarz der Nacht so tief und vakuumisierend wie hier. Wer gegen 22 Uhr den Versuch wagt, die paar hundert Meter asphaltierten Weges von Neuglobsow durch den Wald zum Bootshaus hinüberzuspazieren, kann bei bewölktem Himmel die eigene Hand vorm Gesicht nicht mehr erkennen, so dunkel ist es. Als hätte jemand ein großes Fass schwarzer Tinte über die Szenerie gegossen.

"Himmelsglühen", so lautet der poetische Name für das, was Forscher auch "Lichtverschmutzung" nennen

Deswegen haben die Forscher des Leibniz-Instituts für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) gleich am und auf dem Stechlinsee ihr Quartier bezogen: Weil es hier nach Sonnenuntergang so finster wird wie es vor der Erfindung des elektrischen Lichts im späten 19. Jahrhundert war. Und weil dieser Grad der Dunkelheit den Wissenschaftlern ermöglicht, die Konsequenzen künstlicher Beleuchtung bis ins kleinste Detail zu erforschen.

"Himmelsglühen", so lautet der poetische Name für das, was Forscher versachlicht auch "Lichtverschmutzung" nennen: Weil der Mensch seine industrialisierte Umgebung mittels Leuchtreklame, Straßenlaternen und privatem Lichtschalter zum Strahlen bringt wann immer er will, wird die Nacht zusehends zum Tag; in den vergangenen Jahrzehnten hat die künstliche Lichtemission im globalen Durchschnitt pro Jahr um drei bis sechs Prozent zugenommen. Das rötliche Glühen, das jeder am Himmel beobachten kann, der in einer mittelgroßen Stadt lebt, entsteht, weil von der Erde abstrahlendes Licht sich in Luftmolekülen und Wolken-Aerosolen bricht und zur Erde zurückgestrahlt wird.

Erst wenn es dunkel genug ist, kommen die Tierchen an die Wasseroberfläche

Forscher wissen, welche Regionen der Welt besonders betroffen sind. Erst im Juni hat das Helmholtz-Zentrum in Potsdam einen Weltatlas des Himmelsglühens veröffentlicht. Dieser verrät: Besonders hell ist es in den Nachtstunden in Westeuropa, Nordostamerika, den Küstengebieten Asiens und im Nildelta. Was die Forscher jedoch bislang nicht wissen: Welche Konsequenzen die diffuse Strahlung für das sensible Zusammenspiel der Natur hat, beispielsweise für die Nahrungsketten in Binnengewässern.

Das Seelabor soll im wörtlichen Sinne Licht ins Dunkel bringen. Es ist ein riesiges Projekt, das unter dem Namen "ILES - Illuminating Lake Ecosystems" für zwei Monate 60 Forscher aus verschiedenen Nationen in den Norden Brandenburgs beordert hat. Gabriel Singer und seine Kollegen wollen untersuchen, wie Fische, Algen und Bakterien reagieren, wenn ihnen die Dunkelheit der Nacht zusehends genommen wird.

Dazu haben Physiker und Techniker ein ausgeklügeltes System erdacht, ein Freiluftlabor, das jetzt vor Singer und seinen Kollegen lautlos und fast bewegungslos in der Dunkelheit schwimmt: eine begehbare Aluminiumkonstruktion aus 24 kreisrunden und bis auf den Grund voneinander abgedichteten Becken, die sich um ein größeres von 30 Metern Durchmesser im Zentrum herumlagern - so entstehen 25 künstliche Seen im großen Stechlinsee. Fünf Millionen Euro hat das schaukelnde Labor gekostet.