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Leukämie und Atomkraft in der Schweiz:Kaum Hinweise auf erhöhtes Krebsrisiko durch AKWs

Die Daten von 1,3 Millionen Kindern haben Wissenschaftler der Universität Bern analysiert, um herauszufinden, ob Kleinkinder in der Umgebung von Atomkraftwerken häufiger an Leukämie erkranken. Tatsächlich ist die Zahl dort etwas größer. Doch das sei "mit dem Zufall vereinbar", sagen die Fachleute.

Ob Strahlung, die von Atomkraftwerken im Normalbetrieb ausgeht, bei Kindern Krebs auslösen kann, ist umstritten. Gegen ein erhöhtes Risiko im Umfeld solcher Anlagen spricht nun eine Studie von Wissenschaftlern der Universität Bern.

Schweizer Atomkraftwerk Leibstadt an der Grenze zu Deutschland

Das Schweizer Atomkraftwerk Leibstadt am Rhein. Schweizer Wissenschaftler haben festgestellt, dass die Zahl von Leukämiefälle bei Kindern in der Nähe von AKWs nicht signifikant erhöht ist.

(Foto: dapd)

Die Wissenschaftler aus der Schweiz kommen demnach zu einem anderen Ergebnis als deutsche Wissenschaftler. Diese hatten 2007 berichtet, Kleinkinder unter fünf Jahren würden doppelt so häufig an Leukämie erkranken wie ihre Altersgenossen, wenn sie im Umkreis von fünf Kilometer um ein Atomkraftwerk aufwachsen.

Die radioaktive Strahlung aus den AKWs konnten die deutschen Experten anhand der "KiKK-Studie" jedoch nicht als Ursache ausmachen. Das deutsche Bundesamt für Strahlenschutz hatte deshalb betont, "dass die Studie keinen Beweis für einen Zusammenhang zwischen dem Betrieb einer kerntechnischen Anlage und den erhöhten Leukämiefällen darstellt".

Trotzdem hatten das Schweizer Bundesamt für Gesundheit (BAG) und die Krebsliga Schweiz (KILS) das Institut für Sozial- und Präventionsmedizin (ISPM) der Berner Universität mit einer eigenen Studie beauftragt. Im Rahmen der Schweizer Canupis-Studie hatten die ISPM-Fachleute Daten von allen 1,3 Millionen Kindern im Alter von null bis 15 Jahren aus dem Zeitraum von 1985 bis 2009 wurden ausgewertet.

"Die Ergebnisse sind statistisch sowohl mit einer Risikoreduktion als auch mit einer Risikoerhöhung vereinbar", erklärt Matthias Egger vom ISPM. Mit anderen Worten: Ein erhöhtes Risiko konnte im Rahmen der Studie, die jetzt im International Journal of Epidemiology veröffentlicht wurde, nicht eindeutig festgestellt werden. Statistisch gesehen könnte man sogar genauso gut von einer Risikoverringerung ausgehen.

Die Forscher hatten die Regionen um die fünf Schweizer Atommeiler in drei Zonen aufgeteilt und die übrige Schweiz als Vergleichszone IV genutzt. In der Zone I, dem Gebiet innerhalb von fünf Kilometern um ein AKW, wurden acht Fälle von Leukämie bei Kindern unter fünf Jahren diagnostiziert. Im Vergleich mit der übrigen Schweiz (Zone IV) waren das 1,2 Fälle mehr als erwart. In Zone II (fünf bis zehn Kilometer um die AKWs) waren es zwölf Erkrankungen, erwartet hatten die Forscher 20,3 Fälle. Und in Zone III (zehn bis 15 Kilometer vom AKW entfernt) wurde Leukämie bei 31 Kindern festgestellt. Anhand der Daten aus Zone IV hätte die Zahl bei 28,3 liegen sollen.

Setzt man das Leukämie-Risiko bei unter fünf Jahre alten Kindern in der gesamten Schweiz (Zone IV) als Basiswert 1 zugrunde, dann lag das relative Risiko einer Leukämieerkrankung in Zone I bei 1,2. Auf den ersten Blick sieht es demnach so aus, als sei das Risiko um 20 Prozent erhöht.

Doch eine genaue statistische Analyse lässt eine entsprechende Aussage nicht zu. "Aufgrund der kleinen Fallzahl war die statistische Aussagekraft beschränkt und wir können eine leichte Zu- oder Abnahme der Fälle in der Fünf-Kilometer-Zone nicht ausschließen, insbesondere für Leukämie bei Kindern im Alter von null bis vier Jahren", schreiben die Forscher in dem Fachjournal.

Die scheinbare Häufung der Fälle in Zone I liegt innerhalb der Abweichungen vom erwarteten Wert nach oben und unten. Am ehesten seien die geringen Abweichungen vom gesamtschweizerischen Risiko "zufallsbedingt", schließen die Wissenschaftler.

Dafür spricht auch, dass in Zone II relativ wenig Kinder an Leukämie erkrankt waren, in Zone III wieder etwas mehr als im Vergleich zur übrigen Schweiz.

An der Studie war auch das Schweizer Kinderkrebsregister beteiligt. Deren Leiterin Claudia Kuehni erklärte, Kinder seien viel strahlenempfindlicher als Erwachsene. "Das haben Untersuchungen von Überlebenden der Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki gezeigt." Besonders treffe dies für die Zeit vor der Geburt und der ersten Lebensjahre zu. "Aus diesem Grund untersuchten wir primär den Wohnort zum Zeitpunkt der Geburt."

"Diese landesweite Kohortenstudie hat wenige Hinweise gefunden für einen Zusammenhang zwischen dem Wohnen in der Umgebung eines AKWs und dem Risiko für Leukämie oder anderem Krebs bei Kindern", fassen die Forscher ihre Ergebnisse zusammen.