Umweltschutz:Mehr Moor wagen

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Im renaturierten Hochmoor Ascholdinger Filz südlich von München. (Foto: Hartmut Pöstges)

Die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina drängt dazu, schnell das Wasser in trockengelegte Moore und vom Flusslauf getrennte Auen zurückzuholen – und erklärt auch gleich, wie das gelingen kann.

Von Vera Schroeder

Die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina hat eine 132-seitige Stellungnahme inklusive Handlungsempfehlung zu der Zukunftsaufgabe veröffentlicht, Moore und Auen in Deutschland umfassend wiederherzustellen. Ein solcher großflächiger landschaftlicher Umbau, der von der Dimension her als immense Herausforderung erscheint, rückt damit einen Schritt näher Richtung Realität. Die Leopoldina ist eine der angesehensten Wissenschaftsakademien weltweit, die sich ausschließlich mit gesellschaftlich relevanten Fragen und unabhängiger wissenschaftsbasierter Politikberatung beschäftigt. Man könnte auch sagen: Sie beschäftigt sich mit Themen, die auch wirklich wichtig sind.

Moore und Auen sind in Deutschland Landschaften, die durch die Industrialisierung stark verändert wurden. Ihr derzeitiger Zustand ist schlecht. Aus den zu weit über 90 Prozent entwässerten Mooren, die vor allem in landwirtschaftlicher Nutzung sind und einer Fläche des Bundeslands Sachsen entsprechen, entweichen große Mengen CO₂. Nahezu alle Auen, also ehemalige Überflutungsgebiete entlang der Flüsse, sind für Landwirtschaft, Schifffahrt und Siedlungswachstum eingedeicht und vom Fluss abgetrennt worden. Sie haben dadurch viele ursprüngliche Fähigkeiten verloren, etwa Hochwasser abzupuffern oder die Wasserqualität und das lokale Klima zu verbessern. In Zeiten der großen Umweltkrisen sind diese Eigenschaften jedoch wichtiger denn je. Beide Landschaftstypen können in einem renaturierten Zustand entscheidende sogenannte natürliche Dienstleistungen zu Klima- und Biodiversitätskrise beitragen.

Neben rechtlichen Hürden tauchen vor allem Fragen nach Besitzverhältnissen und Kosten auf

Klimaneutralität und nachhaltiger Biodiversitätsschutz seien jedoch nicht nur ambitionierte politische Ziele, betont die Leopoldina. Deutschland sei qua Grundgesetz sowie einer Vielzahl europäischer und internationaler Abkommen rechtlich auf beide Ziele verpflichtet. Um diese in nur wenigen Jahrzehnten zu erreichen, sei deshalb ein grundlegendes Umdenken im Management von Wasserressourcen in der Landschaft notwendig.

Dabei macht die Stellungnahme mit dem Namen „Klima – Wasserhaushalt – Biodiversität: Für eine integrierende Nutzung von Mooren und Auen“ bei der Zustandsbeschreibung und der grundsätzlichen Handlungsempfehlung nicht halt. Kapitel für Kapitel werden die verschiedenen Fragen zur Umsetzung einer weiträumigen Transformation deutscher Moore und Auen diskutiert. Neben rechtlichen Hürden tauchen dabei vor allem Fragen nach Besitzverhältnissen und Kosten auf. Lösungswege werden skizziert, etwa wie man Landwirte für die Transformation durch veränderte Anreizstrukturen gewinnen könnte.

Alternative Nutzungsideen werden ebenso vorgestellt wie bereits bestehende Programme sowie bürokratische und strukturelle Zuständigkeiten. Da für die fristgerechte Umsetzung in erster Linie die Bundesländer zuständig sind, stellt sich die Frage nach notwendigen Prüfverfahren, ob die Maßnahmen auch rechtzeitig eingeleitet werden. Ein wichtiger Schritt bestünde auch darin, Agrarförderungen baldmöglichst umzustellen und kontraproduktive Subventionen zügig abzuschaffen.

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Auch zum Thema Kulturwandel und Akzeptanz in der Bevölkerung widmet sich die Stellungnahme ausführlich. Einerseits sei es zwar erwiesen, dass Klima- und Biodiversitätsschutzziele einen großen grundlegenden Rückhalt in der Bevölkerung hätten. Studien zeigten aber auch, dass bei Maßnahmen der Wiedervernässung und Renaturierung Bedenken und Widerstände bei einzelnen Nutzergruppen zu erwarten seien. Dabei setzen die Wissenschaftler neben Empfehlungen zur transparenten und frühzeitigen Kommunikation insbesondere auf das Mittel der Partizipation und Bürgerbeteiligung.

Als Gefahr wird die Möglichkeit benannt, die Transformation zu langsam und zu zögerlich anzugehen und von der Dimension her in Einzelprojekten zu verharren, statt im Sinne eines großen Strukturwandels zu denken. „Business as usual“ aus Zögerlichkeit oder zur Vermeidung von politischen oder gesellschaftlichen Diskursen könne dazu führen, dass die angestrebten Ziele nicht ausreichend konsequent definiert und schließlich umgesetzt würden.

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