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Leichenhunde:"Sie riechen sogar ein Jahr altes Blut"

Leichenhunde haben den Ermittlern im Fall der verschwundenen Madeleine vielleicht entscheidend geholfen. Der Leiter eine Polizei-Hundeschule erläutert die Fähigkeiten der Vierbeiner.

Interview: Martin Kotynek

Drei Monate nachdem die dreijährige Madeleine aus einer Ferienanlage in Portugal verschwunden ist, hat ein Leichenhund Blut im Apartment der Familie entdeckt. Einem Ermittler zufolge müsse sich in dem Zimmer daher mindestens zwei Stunden lang eine Leiche befunden haben. Erst dann könnten die Spürhunde den Geruch wahrnehmen. Die SZ sprach mit Johann Feichtner, der die Polizeidienst-Hundeschule in Herzogau im Bayerischen Wald leitet und für die Ausbildung aller 380 Polizeihunde in Bayern zuständig ist.

Der Hund im Bild ist auf das Erschnüffeln von Sprengstoff spezialisiert.

(Foto: Foto: AP)

SZ: Nach drei Monaten konnten die Spürhunde im Fall Maddie noch Blut an der Wand erschnüffeln. Kann man das glauben?

Feichtner: In unseren Versuchen konnten Leichenhunde sogar noch nach einem Jahr einen Blutstropfen aufspüren. Auch, wenn die Stelle sorgfältig gereinigt wurde, riechen die Hunde das Blut. Dabei ist die benötigte Menge minimal, oft sehen wir mit freiem Auge beim besten Willen keinerlei Spuren, die Hunde melden aber trotzdem einen Fund.

SZ: Zwei Stunden muss eine Leiche an einer Stelle gelegen haben, bis der Hund etwas riecht. Wieso?

Feichtner: Bei Leichenfunden und auch bei Kleidung, die Leichen trugen, stimmt das in etwa, der Tote muss sich zwischen vier bis sechs Stunden an einem Ort befunden haben. Die Zeitspanne hängt von Luftfeuchtigkeit und Temperatur ab. Bei Blut ist das anders, das können ausgebildete Spürhunde in jedem Stadium riechen, also auch sofort nach dem Austritt aus dem Körper. Das gilt auch für Blutspuren auf Tatmessern.

SZ: Riechen Leichen und Blut also unterschiedlich?

Feichtner: Nein. Leichen gehen genauso wie Blut in ein Verwesungsstadium über, in dem sich charakteristische Eiweißstoffe zersetzen. Auf diese wird der Hund in der Ausbildung konditioniert. Während der Verwesungsprozess bei Blut aber sofort einsetzt, muss er bei Leichen schon einige Zeit angedauert haben, bis die Stoffe für den Hund erkennbar werden.

SZ: Wenn Blut und Leichen für die Hunde gleich riechen, wie können sie dann erkennen, ob der Mensch zum Zeitpunkt der Verwundung tot war?

Feichtner: Das können die Hunde nicht. Der Mensch, von dem das Blut in Madeleines Apartment stammt, kann ohne weiteres schon vor einem Jahr dort geblutet haben und heute noch leben.

SZ: Wie bringt man Hunden bei, nach Toten zu suchen?

Feichtner: Durch Spiele. Unsere Ausbilder lassen sich beim Amtsarzt Blut abzapfen oder wir nehmen Kleidung von Leichen. Die stecken wir dann in ein sogenanntes Bringsel, also in ein Plastikröhrchen mit Löchern. Das ist das Lieblingsspielzeug der Leichenhunde. Wir verstecken es und die Hunde wollen uns ihr Spielzeug unbedingt zurückbringen. Nach der Ausbildung suchen die Hunde weiterhin nach dem Geruch ihres Spielzeugs und führen uns so zu den Leichen.

SZ: Welche Hunde sind geeignet?

Feichtner: Wir bilden alle Hunde auch zu Schutzhunden aus, sie müssen daher auch Täter verbellen können. Labradore kommen also nicht in Frage. Außerdem müssen die Hunde einen großen Spiel- und Beutetrieb haben. Mit dem Deutschen und Belgischen Schäferhund, sowie mit Riesenschnauzern haben wir die besten Erfahrungen gemacht.

© SZ vom 9.8.2007
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