Legebatterien:Eier aus der Hühnerhölle

Legebatterien sind seit Anfang des Jahres verboten - doch ein Ende der Tierquälerei ist nicht abzusehen. Und aggressives Federpicken gibt es auch in der alternativen Kleingruppenhaltung.

Tina Baier

Eigentlich dürfte es in Deutschland schon längst keine Legebatterien mehr geben. Seit dem 1. Januar dieses Jahres sind die engen Drahtkäfige verboten, in denen die Hennen in ewigem Dämmerlicht dahinvegetieren. Allerdings war eine Verlängerung um ein weiteres Jahr "im Einzelfall" möglich.

Legebatterien: Die Tierquälerei dauert an - trotz Verbots: Hühner in Legebatterien.

Die Tierquälerei dauert an - trotz Verbots: Hühner in Legebatterien.

(Foto: Foto: dpa)

"Offensichtlich haben fast alle Eierproduzenten dies beantragt und auch genehmigt bekommen", sagt Bernhard Hörning, Professor für ökologische Tierhaltung an der Fachhochschule Eberswalde. Dass die ursprüngliche Ausnahme zur Regel wurde, lassen auch die Zahlen des Zentralverbands der Deutschen Geflügelwirtschaft vermuten.

Demnach saßen noch im Dezember vergangenen Jahres fast 60 Prozent der Hennen in den alten Käfigen, in denen jedes Tier weniger Platz hat als die Fläche eines DIN-A4-Blatts. "Somit standen zum Jahresende 2008 noch 556 Betriebe mit 23,3 Millionen Haltungsplätzen zur Umrüstung an", sagt Kerstin Spelthann, Sprecherin des Verbands.

Daran hatte sich zumindest bis Mitte Mai 2009 kaum etwas geändert, sagt Hermann Focke, ehemaliger Veterinäramtsleiter im Oldenburger Münsterland, dem Landstrich mit den meisten Legebatterien in Deutschland. Aufgrund der Tatsache, dass viele Eierproduzenten mit den Umbauarbeiten immer noch nicht begonnen haben, befürchten Tierschützer, dass die Betreiber den Ablauf der Frist zum 31. Dezember 2009 erneut ignorieren wollen und ihre Hühner auch 2010 weiter in den alten Käfigen halten werden.

Das Leiden der Hennen

"Es ist nicht realistisch, dass alle Betriebe bis Anfang nächsten Jahres die Umstellung schaffen", sagt Hörning und verweist auf Schweden. Als die Legebatterien dort verboten wurden, hat die Eierindustrie das Gesetz missachtet - mit dem Erfolg, dass schließlich die Frist verlängert wurde.

Focke befürchtet, dass sich das Leiden der Hennen in Deutschland noch jahrelang hinziehen könnte: "Auf Order des Landrats werden die Amtstierärzte 2010 in die Betriebe gehen und sagen: ,Ihr habt ja immer noch Käfige, stellt das mal ab. Die Betreiber werden dann erzählen, dass die Firma, die die neuen Einrichtungen baut, Terminschwierigkeiten habe, da zu viele Ställe gleichzeitig umgerüstet werden müssten. Dann wird möglicherweise sogar Strafanzeige erstattet, aber das kann sich jahrelang hinziehen."

Günter Fischer, Amtstierarzt im Landkreis Osnabrück gibt zu, dass die Betriebe in seinem Zuständigkeitsbereich spät dran sind mit den Umbauarbeiten. Doch zumindest in seinem Landkreis werde am 1.Januar kein Huhn mehr in einem alten Käfig sitzen. "Acht Betriebe hören auf, der Rest stellt um", sagt Fischer: "entweder auf Volieren-Haltung oder auf Kleingruppen."

Allerdings ist auch die Kleingruppenhaltung nach Ansicht von Wissenschaftlern, die sich mit der artgerechten Haltung von Nutztieren beschäftigen, schlicht Tierquälerei - auch wenn sie derzeit gesetzlich noch erlaubt ist. "Der Begriff Kleingruppenhaltung ist Verbrauchertäuschung", sagt Hörning. "Es handelt sich um Käfige, in denen die Hennen nur wenig mehr Platz haben als in den herkömmlichen Legebatterien."

Das Land Rheinland-Pfalz habe deshalb beim Bundesverfassungsgericht einen Normenkontrollantrag eingereicht, um festzustellen, dass diese Haltungsform gegen das Tierschutzgesetz verstößt, sagt Christoph Maisack, Richter am Amtsgericht in Bad Säckingen und Vorstandsmitglied der Internationalen Gesellschaft für Nutztierhaltung. Wahrscheinlich werde noch in diesem Jahr über den Antrag verhandelt.

Michael Erhard, Fachtierarzt für Tierschutz, leitet an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität ein Projekt, in dem die Kleingruppenhaltung im Auftrag der Bundesregierung optimiert werden soll. "Es ist sicherlich nicht so einfach, dieses System so zu verbessern, dass die Tiere sich wohlfühlen", sagt er vorsichtig.

Hörning wird deutlicher: "Für die Hennen gibt es kaum Verbesserungen gegenüber der herkömmlichen Legebatterie", sagt er. Zwar sind die neuen Käfige größer - sie müssen eine Mindestfläche von 2,5 Quadratmetern haben - doch dafür dürfen auch mehr Hennen hineingestopft werden: In Deutschland 28, nach EU-Recht sogar 33.

Bei voller Belegung stehen jeder Henne demnach 893 beziehungsweise 758 Quadratzentimeter zur Verfügung; in der herkömmlichen Legebatterie sind es 550 Quadratzentimeter. Ein DIN-A4-Blatt hat 624 Quadratzentimeter Fläche.

Zudem gibt es Hinweise, dass es die Hühner stärker belastet, zu dreißigst auf engem Raum zusammengepfercht zu werden als zu fünft wie in den herkömmlichen Käfigen. "Vermutlich können Hühner in Gruppen dieser Größe keine stabile Rangordnung mehr herstellen", sagt Hörning.

Die Tiere reagieren mit Aggression: Beim Federpicken reißen sich die Hennen gegenseitig die Federn aus und hacken dann immer wieder auf die blutenden Stellen ein. Anders als in der Bodenhaltung gibt es für die Opfer in der Enge des Käfigs kein Entkommen. Im schlimmsten Fall sterben sie an ihren Verletzungen und werden von den anderen Hühnern im Käfig aufgefressen.

Wenn das Federpicken in einem Stall ausbricht, reagieren die Betreiber in der Regel damit, das ohnehin schon dämmrige Licht von 20 Lux auf zwei bis drei Lux herunterzuregulieren, sodass die Hennen wochenlang im Dunklen sitzen. Tatsächlich nehmen die Attacken dann ab, wahrscheinlich weil die Tiere kaum noch etwas sehen.

Welche Faktoren das Federpicken auslösen und warum es ansteckend wie eine Krankheit ist, ist noch nicht ganz klar. "Vermutlich ist es ein fehlgeleitetes Futtersuch-Verhalten", sagt Hörning. Freilebende Hühner sind die Hälfte des Tages damit beschäftigt, auf dem Boden zu scharren und zu picken. In den engen Käfigen finden sie dazu aber keine Gelegenheit, sodass manche stattdessen ihre Mitgefangenen mit dem Schnabel traktieren.

Dabei preisen Befürworter die Kleingruppenhaltung gerade deswegen als artgerecht, weil es in den Käfigen einen Einstreubereich gibt, in dem die Hühner scharren und picken sollen. "In der Praxis ist es aber so, dass aus technischen Gründen nie genug Einstreu da ist", sagt Hörning.

"Sand verstopft die Mechanik, mit der das Material in die Käfige transportiert werden soll, Holzspäne verträgt der Verdauungstrakt der Hühner nicht", sagt Erhard. In der Praxis lassen die Eierproduzenten die Einstreu deshalb ganz weg und streuen stattdessen etwas Futter auf den Boden, das aber innerhalb kürzester Zeit weggepickt ist.

Auch die Sitzstangen, auf denen sich die Hühner eigentlich ausruhen sollen, sind nach Erfahrung von Hörning eine Fehlkonstruktion: Da die Käfige nur zwischen 50 und 60 Zentimetern hoch sind, können die Stangen in höchstens 25 Zentimetern Höhe angebracht werden, damit die Hennen auf der Stange nicht mit dem Kopf an die Käfigdecke stoßen.

Dadurch sitzen aber die Hühner auf der Stange denen auf dem Boden im Weg, sodass die Hühner unten noch mehr in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt sind. Die oben sind Pickattacken von unten hilflos ausgeliefert.

Immerhin müssen Eier aus Kleingruppen mit der Nummer 3 für "Käfighaltung" gekennzeichnet sein, genauso wie Eier aus der herkömmlichen Legebatterie. Einen Antrag der Geflügelwirtschaft, Kleingruppen-Eier mit einer eigenen Nummer markieren zu dürfen, lehnte die EU-Kommission ab.

Die meisten Einzelhändler haben Eier mit der 3 in den vergangenen Monaten aus dem Sortiment genommen: unter anderen Aldi Nord und Süd, Edeka, Hit, Kaisers Tengelmann, Kaufhof und Lidl. Sie verkaufen nur noch Eier mit der 0 (ökologische Haltung), der 1 (Freilandhaltung) oder der 2 (Bodenhaltung).

Dass die Betreiber der Legebatterien ihre Eier trotzdem noch loswerden, liegt daran, dass etwa die Hälfte der 15,22 Milliarden Eier, die 2008 in Deutschland verbraucht wurden, in den verschiedensten Produkten weiterverarbeitet werden und die Lebensmittelindustrie am liebsten die billigen Käfigeier kauft. Bei den Eiern aus tierfreundlicherer Haltung gibt es in deutschen Supermärkten bereits Nachschubprobleme: Bis zu 40 Prozent müssen importiert werden.

© SZ vom 11.08.2009/gal
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