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Lederindustrie:Taschen und Schuhe - für die meisten Wegwerfprodukte

Schon beim Einkauf steht für den Gerber die Qualität und nicht der Preis im Vordergrund. "Unsere Häute kaufen wir in Deutschland und den angrenzenden Ländern." Ware aus Übersee vertraut er nicht. Gleiches gilt für Flüssigchemikalien, die er aus Zentraleuropa bezieht und die über Pumpen direkt in die Produktion eingeleitet werden. So kommt kein Mitarbeiter mit dem gefährlichen Inhalt in Berührung. Bei der Stromerzeugung setzt die Lederfabrik zum Teil auf eigene Blockheizkraftwerke und nutzt die dabei entstehende Wärme für das Trocknen des Leders. Etwa 2000 Häute baumeln von der Decke im Trockenraum.

Und das Engagement schlägt sich auch in Zahlen nieder: Innerhalb von fünf Jahren konnte nach eigenen Angaben der Energieverbrauch um 15 Prozent, der CO2-Ausstoß um 50 Prozent gesenkt werden. Internationale Auszeichnungen und Zertifikate schmücken den Namen des Traditionsbetriebs. "Wir versuchen, ein ökologisch sehr hohes Level zu fahren, das aber auch noch verkaufsfähig ist. Wir könnten nochmal alles umbauen und den I-Punkt auf den I-Punkt setzen, aber dann bin ich als Gerber tot." Wie so viele vor ihm.

Taschen und Schuhe sind für die meisten Menschen Wegwerfprodukte. In den Geschäften reihen sich hunderte Modelle aneinander. Eine Saison sollen die neuen Schuhe halten, vielleicht noch eine zweite, dann landen sie sowieso im Müll. Die Risiken für Mensch und Umwelt, die im unsachgemäß hergestellten Leder lauern, blenden viele Kunden aus. Kleinste Fehler in der Herstellung schaden dem Ökosystem auf Jahre oder sorgen, wie in Bangladesch, für giftige Tümpel, die den Tod in die Nachbarschaft tragen. Auch in den Lederprodukten selbst können giftige Stoffe entstehen, die schwere Allergien oder sogar Krebs auslösen. Doch woran erkenne ich einen krankmachenden Schuh? Die Antwort lautet: Gar nicht. Und genau da liegt das Problem. Offizielle Etiketten, die Angaben über die Herkunft der Tierhäute, den Ort oder die Art der Gerbung geben, gibt es nicht - egal, ob billige Galoschen oder teure Designerstiefel. Selbst Händlern und Vertragspartnern ist es bislang fast unmöglich, die Zulieferkette, die zahlreichen Vorlieferanten und die Produktionswege ihrer Waren nachzuvollziehen.

Problemstoffe im Leder

Der Verband der Deutschen Lederindustrie poche schon lange auf eine Herkunftsbezeichnung für Lederprodukte, sagt Thomas Schroer, Geschäftsführer des Deutschen Lederverbands, doch der Gegenwind sei zu stark. "Es würde ja schon helfen, wenn zumindest Produkte aus Europa als solche gekennzeichnet würden", aber nicht einmal darauf könne man sich einigen. Es gebe viele Parteien, die an einem reibungslosen Geschäft interessiert sind, nicht zuletzt auch Ministerien und die Europäische Union. Das Risiko trägt der Verbraucher - im wahrsten Sinne des Wortes. Doch der ist ahnungslos.

Das Landeslabor Berlin-Brandenburg versucht gegenzusteuern. Auf den Tischen des militärgrünen Baus unweit des Berliner Hauptbahnhofs stapeln sich Schuhe, Portemonnaies und Badelatschen in grauen Kartons, viele noch originalverpackt. Chemiker Mike Neumann hält einen Kinderschuh in die Luft, die Nähte wurden aufgeschnitten, Teile des Innenleders und der Sohle entfernt. In der Regel bestehen Lederartikel aus verschiedenen Teilstücken, die separat produziert und dementsprechend auch untersucht werden müssen. "Unser Augenmerk liegt auf den Stellen, die Körperkontakt haben."

Die Problemstoffe im Leder tragen teils unaussprechliche Namen wie Dimethylfumarat oder Alkylphenolethoxylate. Doch der Schwerpunkt ihrer Untersuchungen, so Mike Neumann, beziehe sich immer noch auf Chrom VI, das nicht nur Allergien auslöse, sondern in höheren Dosen und bei dauerhaftem Hautkontakt auch als krebserregend und akut toxisch gilt. Auf der Ablage stehen Glaskolben mit rosafarbener Flüssigkeit, mal farbintensiver, mal schwächer. "Je pinkfarbener, desto mehr Chrom VI war in der Probe", erklärt Neumann. "Die da", sagt er und zeigt auf eine kräftig pinke Probe, "hat die Grenzwerte deutlich überschritten, aber so große Ausbrecher sind selten." Am Bundesinstitut für Risikobewertung schätzt man, dass mehr als eine halbe Million Menschen in Deutschland empfindlich auf Chrom VI reagieren.

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