Lebenstriebe:"Nude in Public"

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Hinter FKK-Bewegungen stecken womöglich weniger Provokation und Gesellschaftskritik als vielmehr - na ja, ziemlich private Probleme. Eine Vermutung aus dem SZ Wissen.

Hilmar Klute

Beim Exhibitionismus hat sich in den letzten Jahrzehnten einiges getan. Wir erinnern uns: Früher war diese verschrobene Kulturtechnik ein paar verkorksten Männern vorbehalten, die unterm Trenchcoat nichts anhatten, und diesen Trenchcoat deshalb vor einer Gruppe Andersgeschlechtlicher schnell öffneten und wieder schlossen. Zahllose Karikaturen und Sketche arbeiteten mit diesem Topos und, Gott ja, sie war auch ziemlich armselig, diese verstohlene Blankzieherei.

nude in public

Auch Jogger laufen gern mal nackt.

(Foto: Foto: AFP)

Stundenlang hinter Büschen und auf einsamen Parkplätzen lauern wie eine geisteskranke Elster, um dann in dem einen Augenblick, da eine Frau vorbeigeht, die Frackschöße zu raffen und - na ja. Heute ist es keineswegs so, dass es den Exhibitionismus nicht mehr gäbe. Er kommt nur anders, und zwar ungleich offensiver und selbstverständlicher daher, und das Ganze heißt jetzt nicht mehr Exhibitionismus, sondern fast loungeartig "Nude in Public".

Das ist ein bisschen so wie mit Werther's Echte, die heute Werther's Original heißt, aber innen drin ist immer noch das alte steinharte Opa-Bonbon. Anders gesagt: "Nude in Public" ist immer noch Exhibitionismus, nur besser verkauft.

Personen, die das unwiderstehliche Bedürfnis haben, ihr Geschlechtsteil Gegengeschlechtlichen zu zeigen - so lautet ja die Definition von Exhibitionismus -, verabreden sich heute vorzugsweise per Internet zu gemeinsamen entspannten und entblößten Spaziergängen durch Deutschlands Innenstädte.

Wenn zwei Exhibitionisten nackt und frei durch eine Fußgängerzone flanieren, sieht das auf den ersten Blick frech, frisch und überraschend aus. So, als hätten sie der bekleideten Welt ein Schnippchen geschlagen; als würden sie den Passanten zurufen: Traut euch auch, denn unter eurer zweckmäßigen Freizeitkleidung seid ihr doch nackig wie wir! Das Problem ist nur: Die meisten Passanten haben weder Lust noch sehen sie die Notwendigkeit, ihr Geschlechtsteil Andersgeschlechtlichen vorzuführen, weil sie mit Recht davon ausgehen können, dass dessen anatomische Beschaffenheit selbst den Andersgeschlechtlichen vertraut ist.

Wer bei Google "Nude in Public" eingibt, bekommt Seiten präsentiert, auf denen nackte Frauen und Männer an angezogenen Frauen und Männern vorbeiflanieren und sich erstaunlicherweise nicht blöd dabei vorkommen. Eine davon ist Yvette, eine brünette, einfache, junge Frau aus Berlin, deren Credo lautet: "Ich liebe es, mich vor der Kamera gehen zu lassen und das, soweit es möglich ist, natürlich auch unter fremden Blicken".

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