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Leben ohne Gedächtnis:Gefangen in der Gegenwart

Henry Molaison lebte 55 Jahre lang, ohne neue Erinnerungen bilden zu können. Nun wird sein Hirn seziert - live im Internet.

Seit seiner Kindheit litt Henry Molaison aus Hartford im US-Bundesstaat Connecticut unter Epilepsie. Nach einem Fahrradunfall wurden seine Anfälle so unerträglich, dass er sich - in der Hoffnung auf Erleichterung - im Jahr 1953 einer Gehirnoperation unterzog. Damals war er 27 Jahre alt.

Wo sitzen die Erinnerungen? Extremfälle wie die von Henry Molaison bringen den Forschern neue Erkenntnisse, doch vieles im Gehirn ist noch rätselhaft.

(Foto: Foto: iStock)

Sein Arzt, Dr. William Beecher Scoville, entfernte aus dem Gehirn Molaisons zwei Drittel der Hippocampi in beiden Gehirnhälften. Durch die Operation konnten die schweren epileptischen Anfälle tatsächlich unter Kontrolle gebracht werden. Doch es stellte sich heraus, dass Molaison durch den radikalen Eingriff die Fähigkeit verloren hatte, neue Erinnerungen zu bilden.

Molaison konnte sich an die Ereignisse seiner Kindheit erinnern und hatte eine, wenn auch etwas bruchstückhafte Vorstellung von den Monaten vor der Operation - doch darüber hinaus lebte er für den Rest seines Lebens in einer permanenten Gegenwart.

"Er unterhielt sich gerne, doch innerhalb von 15 Minuten erzählte er einem die gleiche Geschichte drei Mal, mit den gleichen Worten und der gleichen Intonation, ohne sich daran zu erinnern, dass er sie gerade erst erzählt hatte", sagte Suzanne Corkin, Neurowissenschaftlerin am Massachusetts Institute of Technology (MIT) der New York Times. Sie begleitete und untersuchte Molaison über Jahrzehnte hinweg.

82 Jahre alt wurde der Mann aus Hartford, er starb vergangenes Jahr. Der Forschung hinterließ er ein Geschenk von unschätzbarem Wert: sein Gehirn. Forscher der University of California in San Diego haben nun damit begonnen, dieses Organ zu untersuchen. Molaisons Hirn wird zunächst in 2500 Hirnschnitte zerlegt - diesen Vorgang kann man derzeit live im Internet verfolgen.

Erinnern - ein komplexer Vorgang

Bereits zu seinen Lebzeiten wurde Molaison zum gefragten Studienobjekt der Forscher: An seinem Fall wurde deutlich erkennbar, welche Gehirnregionen unerlässlich für die Bildung neuer Gedächtnisinhalte sind - und dass es unterschiedliche Formen des Erinnerns gibt.

Molaison, der der Öffentlichkeit zu seinen Lebzeiten nur unter seinen Initialen H. M. bekannt war, konnte keine neuen Ereignisse und Fakten mehr speichern. Doch weiterführende Tests und Untersuchungen zeigten zugleich, dass er sehr wohl noch in der Lage war, neue Bewegungsabläufe zu verinnerlichen, räumliche Gegebenheiten zu speichern oder sich teilweise auch an Gesichter zu erinnern.

Der Fall H. M. führte Wissenschaftlern die Komplexität des menschlichen Erinnerungsvermögens vor Augen - und bescherte ihnen neues Wissen über die Zusammenhänge im Gehirn. "Es ist einfach erstaunlich, dass dieser eine Patient - diese eine Person - so viel zur frühen Erforschung des Gedächtnisses beigetragen hat", sagte Susumu Tonegawa, Neurowissenschaftler am MIT der New York Times.

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