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Ökologie:Leopoldina fordert Öko-Wende in der Landwirtschaft

Ein Traktor bringt Pflanzenschutzmittel aus. Wissenschaftler mahnen dringend einen Kurswechsel in der europäischen Agrarpolitik an.

(Foto: Udo Kröner/imago images)

Weil Ökosysteme vor dem Zusammenbruch stehen, plädieren die Nationale Akademie der Wissenschaften und andere Einrichtungen für ein Umdenken in der Landwirtschaft - mit deutlichen Worten.

Von Thomas Krumenacker

Ob Klimawandel, Insektensterben oder der drohende Zusammenbruch ganzer Ökosysteme: Im Wochentakt versorgt die Wissenschaft Politik und Gesellschaft mit neuen Erkenntnissen zur düsteren Lage der Natur. Nun melden sich auch die Nationalen Akademien der Wissenschaften mit einer überraschend kritischen Analyse zum Zustand der biologischen Vielfalt zu Wort. Ihr Fazit: Die ökologische Krise in der Agrarlandschaft habe ein Ausmaß erreicht, das die Funktionsfähigkeit des Ökosystems gefährde. Nur ein Umsteuern zu einer naturverträglicheren Wirtschaftsweise könne gravierende Folgen auch für die Menschen noch abwenden. Die Wissenschaftler fordern vor allem eine radikale Kurswende in der deutschen und europäischen Landwirtschaftspolitik.

Die Wortwahl, mit der die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina und weitere Akademien die gegenwärtige Lage der biologischen Vielfalt auf dem Land beschreiben, lässt an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. "Die Situation ist dramatisch, der Handlungsbedarf akut", heißt es in der 70-seitigen Stellungnahme. Darin fassen Umwelt- und Agrarwissenschaftler, Juristen und Ökonomen den Stand der Forschung zusammen und geben Handlungsempfehlungen.

Ob Vögel, Insekten oder Pflanzen - fast überall zeigen die Kurven in den Grafiken des Berichts in die gleiche Richtung, steil abwärts. So verweisen die Forscher auf den Zusammenbruch der Bestände von Feldvogelarten im Mittel um fast 70 Prozent gegenüber 1995 und stellen fest, dass im selben Zeitraum fast jeder dritte Schmetterling des Grünlandes verschwunden ist. Nicht besser sehe es bei den Wildpflanzen aus, hier weise die Rote Liste bei mehr als der Hälfte aller Ackerwildkräuter einen Rückgang aus.

Umwelt- und Naturschutz haben durchaus etwas erreicht - nur nicht in landwirtschaftlichen Gegenden

Zwar schwindet die Natur europaweit in vielen Lebensräumen. Aber in einigen Bereichen haben Umwelt- und Naturschutz in den vergangenen Jahren sichtbare Verbesserungen gebracht. So konnte der Abwärtstrend von Vogelarten im Wald zuerst gebremst und seit Kurzem sogar gestoppt werden, im Siedlungsbereich konnte die Verlustkurve immerhin abgeflacht werden. Nur in landwirtschaftlich genutzten Gebieten geht sie weiter steil bergab. Hier habe selbst in Naturschutzgebieten keine Trendwende erreicht werden können, stellen die Forscher fest. "Der Verlust der biologischen Vielfalt in Mitteleuropa und in Deutschland findet vor allem in der Agrarlandschaft statt", fassen die Akademien zusammen.

Die Lage sei so ernst, dass es ein "Weiter so" nicht geben könne, sagt Katrin Böhning-Gaese, die als Co-Vorsitzende die Arbeit an dem Papier mit geleitet hat. Das gesamte System der europäischen Landwirtschaft habe sich in einen Zustand manövriert, der für Landwirte und Gesellschaft gleichermaßen unbefriedigend sei. "Der immer größere Verlust der Artenvielfalt hat an einem bestimmten Punkt auch direkte Folgen für die Menschen, für die Ernährung, für unsere Erholung, für unseres psychisches Wohlbefinden", sagt die Direktorin des Frankfurter Senckenberg Biodiversität- und Klima-Forschungszentrums. Die Landwirte ihrerseits hätten häufig aus wirtschaftlichen Zwängen heraus keine andere Wahl, als das Land geradezu industriell zu nutzen. "Es handelt sich um ein Problem der gesamten Gesellschaft und deshalb wäre es falsch, nur an einem einzelnen Punkt zu handeln und ausschließlich die Landwirtschaft in die Pflicht zu nehmen, sich zu verändern", sagt Böhning-Gaese. "Hier kommen die Rahmenbedingungen ins Spiel, die aus der Subventionspolitik kommen, die aus dem Handel kommen und damit letztlich aus unserem Konsumverhalten."

Zur Lösung des Konflikts haben die Akademien Empfehlungen in acht Handlungsfeldern erarbeitet. An erster Stelle steht die Forderung nach einer veränderten Agrarpolitik, Subventionszahlungen an Landwirte sollten an Beiträge zum Erhalt der Artenvielfalt geknüpft werden. Auch ein einheitliches EU-Landwirtschaftsgesetz, die Verringerung des Fleischkonsums und mehr Hilfen für Landwirte, die auf naturverträgliche Wirtschaftsweise umstellen, werden empfohlen. Schließlich müsse ein gesellschaftliches Klima erreicht werden, in dem Lebensmittel eine höhere Wertschätzung erhielten und Verbraucher bereit seien, mehr dafür zu bezahlen.

Das Timing für die Vorlage der Stellungnahme ist zwar Zufall, könnte aber kaum besser gewählt sein. In der nächsten Woche stimmt das Europaparlament über die künftige Gemeinsame Agrarpolitik (GAP) ab und stellt damit wichtige Weichen für die Verwendung der Milliardensubventionen für die Landwirtschaft in den nächsten Jahren. Für Alexandra-Maria Klein wird die Festlegung des künftigen Kurses in der GAP eine zentrale Weichenstellung. "Dort muss jetzt die Wende passieren, wenn wir verhindern wollen, dass die Artenvielfalt in Europa ganz den Bach runtergeht", fordert die Freiburger Professorin für Naturschutz und Landschaftsökologie und Co-Leiterin der Stellungnahme. "Die Kurskorrektur muss über Europa kommen."

© SZ/jrod
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