Das Leben in der Stadt kann stressen - für diese Erkenntnis braucht es erst einmal keine Wissenschaft. Doch um zu prüfen, wie tief gehend sich etwa die urbane Lärmbelastung auf den Organismus auswirkt, können molekularbiologische Untersuchungen sehr aufschlussreich sein. So präsentieren Forscher des Max-Planck-Instituts (MPI) für Ornithologie in Seewiesen und der North Dakota State University Hinweise darauf, dass Zebrafinken womöglich schneller altern, wenn sie in einer sensiblen Phase des Heranwachsens Stadtlärm ausgesetzt sind ( Frontiers in Zoology).
Hinweise für das beschleunigte Altern lieferten Untersuchungen der Telomere der Jungvögel. Das sind Strukturen aus DNA und Proteinen, die wie Kappen auf den Enden der Chromosomen sitzen und die Gene schützen. Verkürzen sich die Telomere, gilt das als Zeichen für ein Altern der Zellen. "Aus einer früheren Studie wissen wir, dass die Länge der Telomere im Jugendalter eine gute Voraussage der Lebenserwartung erlaubt", sagt Co-Autorin Sue Anne Zollinger. "Daher gehen wir davon aus, dass die lärmbelasteten Zebrafinken kürzer leben werden als Kontrollvögel, die nie dem Lärm ausgesetzt waren."
Der Stress spiegelt sich im Erbgut der Vögel wider
Anhand von Blutproben verglich das Team um Adriana Dorado-Correa die Telomerlängen von vier Monate alten Zebrafinken, die entweder vor Verlassen des Nestes, danach oder überhaupt nicht einer typisch urbanen Lärmkulisse ausgesetzt waren. Die Geräusche bekamen die Vögel aus Lautsprechern vorgespielt. Auffällig kurze Telomere fanden sich bei jenen Jungvögeln, die kurz nach Verlassen des Nestes der städtischen Kakofonie ausgesetzt waren. Hatten Vögel dagegen noch in ihrem Nest den Verkehrslärm gehört, wirkte sich das nicht auf die Länge der Telomere aus.
Die Forscher vermuten, dass Zebrafinken die ersten Wochen nach Verlassen des Nestes besonders empfindlich gegenüber Lärm sind, zumal die Tiere in dieser Zeit auch beginnen, ihr Gesangsrepertoire zu erlernen. Solange sich die Vögel noch im Nest befinden, könnten sie zum einen weniger empfindlich auf Lärm reagieren, zum anderen könnten die Elterntiere ihre Nachkommen vor den verhängnisvollen Folgen des Lärmstresses schützen - zum Beispiel, indem sie besonders viel und gutes Futter heranschaffen und so für eine gute Konstitution der Küken sorgen.
Wie die aktuelle Studie nahelegt, geht Singvögeln das Stadtleben also wahrscheinlich erheblich an die Substanz - auch wenn sich die Tiere äußerlich auf vielfältige Weise an einen urbanen Lebensraum anpassen können. Dazu gehört, dass Vögel in der Stadt in insgesamt höherer Tonlage singen als ländlich lebende Artgenossen. Stadt-Vögel verzichten vielen Untersuchungen zufolge in ihrem Gezwitscher häufig auf die niedrigen Frequenzen, die besonders Gefahr laufen, von der urbanen Geräuschkulisse überdeckt zu werden.

