Süddeutsche Zeitung

Biologie:Wie Verkehrslärm schadet

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An Zebrafinken haben Forschenden gezeigt, dass eine laute Umgebung den Embryo im Ei direkt schädigt. Was bedeutet das für Menschenbabys?

Von Tina Baier

Der Mensch ist ein sehr lautes Tier. Er plappert und singt und er erfindet technische Geräte, die ununterbrochen klackern, piepen oder sonst irgendwelche seltsamen Geräusche machen. Bis in die entlegensten Winkel baut der Mensch Straßen, auf denen dann tagein tagaus und sogar nachts der Verkehr lärmt.

Dass diese ständige Lärmbelastung vielen Lebewesen - den Menschen selbst eingeschlossen - schadet, liegt nahe und wurde auch schon in mehreren Studien nachgewiesen. Forschende um Alizée Meillère von der australischen Deakin University haben jetzt gezeigt, dass Menschenlärm sogar schon bei Embryonen, also vor der Geburt, Schäden verursacht, die bis ins Erwachsenenalter nachwirken.

Für ihre Studie, die gerade im Wissenschaftsjournal Science erschienen ist, haben die Forschenden Eier von Zebrafinken mit Verkehrslärm und mit dem Gezwitscher anderer Zebrafinken beschallt - beides in einer Lautstärke von 65 Dezibel, was den Forschenden zufolge der natürlichen Lärmkulisse entspricht. Eine dritte Gruppe wurde absoluter Stille ausgesetzt.

Die Untersuchung ist auch deshalb bemerkenswert, weil schädliche Auswirkungen von Lärm auf ungeborenes Leben schon länger vermutet werden, es aber sehr schwierig ist, sie eindeutig nachzuweisen. Schließlich können negative Konsequenzen wie etwa Entwicklungsverzögerungen oder ein langsameres Wachstum nach der Geburt auch damit zusammenhängen, dass nicht der Embryo selbst geschädigt wurde, sondern dass die Eltern durch den Lärm gestresst sind und ihren Nachwuchs deshalb schlechter versorgen.

Straßenlärm wirkte sich drastisch auf die Küken im Ei aus

Um solche indirekten Effekte auszuschließen, nahmen die Forschenden die Eier von Zebrafinken, die in einer Voliere brüteten, jeweils fünf Tage vor dem Schlüpfen der Küken abends aus dem Nest und beschallten sie in einem Inkubator mit den verschiedenen Geräuschen, beziehungsweise gar nicht. Am Morgen legten sie die Eier wieder in die Nester zurück, wo sie von den Eltern weiter ausgebrütet wurden.

Die Auswirkungen der Beschallung mit Straßenlärm waren drastisch: Die Embryonen starben deutlich öfter noch vor dem Schlüpfen als bei Beschallung mit Gezwitscher. "Der Schlüpferfolg in der Stille-Gruppe lag dazwischen", schreiben die Forschenden in ihrer Studie. Küken, die trotz der Beschallung mit Verkehrsgeräuschen schlüpften, hatten den Ergebnissen zufolge ihr Leben lang Nachteile: Sie wuchsen als Jungvögel langsamer und bekamen als Erwachsene weniger Nachwuchs, was die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler einmal im Alter von zwei Jahren und einmal im Alter von vier Jahren untersuchten.

Auch zellbiologisch unterschieden sich die mit Straßenlärm beschallten Zebrafinken von den Vögeln der beiden anderen Gruppen. Unter anderem waren ihre Telomere - genetische Strukturen an den Enden der Chromosomen - kürzer. Die Forschenden werten das als einen Hinweis auf starke zelluläre Schäden. "Unsere Ergebnisse lassen vermuten, dass die Auswirkungen von Lärmverschmutzung tiefgreifender sind als gedacht", schreiben die Autorinnen und Autoren in Science.

Nach Ansicht von Hans Slabbekorn von der niederländischen Leiden University könnten die Studienergebnisse bedeuten, dass Lärm auch für Menschenbabys schlimmere Auswirkungen haben könnte als gedacht. "Bei Menschen beginnt das akustische Leben ebenfalls vor der Geburt, und Lärm kann in utero Auswirkungen auf das ungeborene Kind haben", schreibt Slabbekorn in einem Begleitkommentar in Science . Speziell in Krankenhäusern, also dort, wo eigentlich besonders auf das Wohlergehen von Mutter und Kind geachtet werden sollte, sei die Geräuschbelastung oft sehr hoch.

Auch Neugeborene seien im Krankenhaus oft einem hohen Lärmpegel ausgesetzt - zum Beispiel durch ständig piepsende Geräte, Gespräche der Krankenhausmitarbeiter oder häufige Telefonate. "Das kann zu einer Verschlechterung der Gesundheit führen", schreibt Slabbekorn.

Wenn das laute Tier Mensch also etwas leiser werden würde, zum Beispiel auch durch technische Neuerungen, käme das nicht nur der Natur zugute, sondern auch dem Menschen selbst.

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