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Küstenschutz:Seegraswiesen können Wellengang dämpfen, der sonst Sedimente fortspült

Strandaufspülung für den Küstenschutz

Sand mit großen Pumpen künstlich aufzuspülen, hier an der deutschen Ostseeküste, ist sehr teuer.

(Foto: Bernd Wüstneck/dpa)

Gleichwohl wird auch die Sylter Methode in den kommenden Jahren erstmals umfassend wissenschaftlich untersucht. "Wir wissen zum Beispiel nur wenig darüber, wie robust die Aufschüttungen bei unterschiedlichen Wetterbedingungen sind, was sie ökologisch bedeuten und ob es nicht Verbesserungsmöglichkeiten gibt", sagt Torsten Schlurmann vom Forschungszentrum Küste (FZK) der Leibniz-Universität Hannover. Das will sein Team gemeinsam mit Wissenschaftlern des Alfred-Wegener-Instituts auf Sylt in einem staatlich geförderten Projekt erforschen, das gerade angelaufen ist.

Schlurmann ist überzeugt, dass Küstenschutzklassiker wie Deiche, Sperrwerke und Wellenbrecher nach wie vor unverzichtbar sind. Doch er freut sich über das steigende Interesse an naturbasierten "weichen" Ergänzungsmaßnahmen. "Der Sandmotor in den Niederlanden ist ein besonders beeindruckendes Beispiel, obwohl die Folgen nur schwer abschätzbar sind", sagt der Ingenieur. Wie komplex die physikalischen Zusammenhänge sind, zeigt sich zum Beispiel daran, dass sich der Sand erst schneller und dann langsamer gen Küste verteilt hat als berechnet.

Und es gibt noch andere Mittel, einen Sandschwund zu kontern. Seegraswiesen zum Beispiel können Wellengang dämpfen, der andernfalls Sedimente fortspült. Das konnten die Forscher aus Hannover mit Versuchen im Wellenkanal zeigen. Auf Bali haben sie außerdem Kokosfasermatten als Sandfänger und Pflanzgrund für Gräser und Mangroven erfolgreich getestet. "Dabei kann auch bioabbaubares künstliches Seegras helfen, das echten Pflanzen in den ersten Jahren Schutz und Halt gibt", berichtet Schlurmann. Die Bepflanzung von Dünen und Deichen sei ebenfalls eine wirksame Küstenschutzmaßnahme.

Auf natürliche Mittel gegen Erosion setzen auch Forscher der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) im Mekongdelta. Das von Kanälen durchzogene Gebiet am Südchinesischen Meer gilt als Reiskammer Asiens und besonders erosionsgefährdet. Im vorletzten Jahr berichteten die GIZ-Wissenschaftler um Klaus Schmitt im Fachblatt Wetlands Ecology and Management, dass T-förmige Bambuszäune im Wasser Abhilfe schaffen können. Danach mindern die Zäune die Wucht der Wellen und halten zugleich Sediment an der Küste fest.

Es entsteht neues Land, auf dem sich Mangrovenwälder ausbreiten und einer erneuten Erosion entgegenwirken können. "Vorausgesetzt, sie bleiben unangetastet", betont Schmitt. Die Methode Sandmotor hält er für weniger geeignet. "Mega-Sandvorspülungen sind teuer und nicht nachhaltig, weil sie regelmäßig wiederholt werden müssen", sagt er.

Der Niederländer Stive hingegen ist überzeugt, dass Sand- und Schlickmotoren nicht nur im Mekongdelta probate Mittel sein können. "In Großbritannien gibt es schon jetzt ziemlich konkrete Pläne für den Bau eines Sandmotors", berichtet er. Diskutiert werde außerdem ein Einsatz vor Jamaika, vor Perus Hauptstadt Lima, am Mississippi-Delta und an einem Küstenabschnitt in Vietnam. "Ich vermute aber, dass es noch zehn, 20 Jahre dauern wird, bis das Konzept auch überregional Nachahmer findet", sagt der Forscher.

© SZ vom 02.03.2017
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