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Kritik an Pharmakonzernen:"Die Öffentlichkeit wird bewusst getäuscht"

Kaum jemand kennt den Medizinbetrieb so gut wie die amerikanische Ärztin Marcia Angell. Jetzt rechnet die ehemalige Chefredakteurin der einflussreichsten internationalen Ärztezeitschrift NEJM mit der Pharmaindustrie ab.

Von 1979 an arbeitete sie für das New England Journal of Medicine, die weltweit wohl angesehenste Ärztezeitschrift. Schon 1997, zwei Jahre bevor sie dort Chefredakteurin wurde, wählte die Zeitschrift Time Angell zu den 25 einflussreichsten Personen der USA.

Pillen

Welche neuen Mittel wirken wirklich besser?

(Foto: Foto: photodisc)

Aus Protest gegen den Druck der Pharmaindustrie zog sich Angell vor wenigen Jahren aus der Chefredaktion des New England Journal zurück und lehrt seitdem an der Harvard Medical School in Boston.

In ihrem Buch "Der Pharma-Bluff", das vor kurzem auf Deutsch erschienen ist, greift sie die Arzneimittelindustrie an: Zum Schaden der Patienten würden die Konzerne völlig überhöhte Preise für rezeptpflichtige Medikamente verlangen.

SZ: Was sagen Sie zu dem Vorwurf, Sie würden ein "Fest des Hasses" gegen die Pharmaindustrie inszenieren?

Angell: Der Vorwurf, ich würde Gift und Galle spucken, kommt nur von Industrievertretern, die die Debatte vom eigentlichen Thema auf mich lenken wollen. Viele Patienten in den USA können verschreibungspflichtige Arzneimittel nicht mehr bezahlen. Sie sind schlicht zu teuer. Die Pharmakonzerne begründen das mit hohen Forschungs- und Entwicklungskosten. Damit wird die Öffentlichkeit aber bewusst getäuscht.

SZ: Aber die Entwicklung von Medikamenten ist doch bekanntlich kostspielig?

Angell: Ja, aber gewiss nicht so sehr, dass die Preise gerechtfertigt wären. Die meisten Arzneimittel, die auf den Markt kommen, sind nicht einmal wirklich neu. Es sind meist nur Nachahmerprodukte. Das heißt, sie unterscheiden sich gerade genug von etablierten Medikamenten, um ein neues Patent anzumelden. Aber im Grunde ist es nur alter Wein in neuen Schläuchen.

SZ: Sind nicht manche dieser Medikamente trotzdem ein Gewinn für einzelne Patienten - zum Beispiel, weil sie sie besser vertragen?

Angell: Niemand weiß, ob das stimmt. Die Pharmaindustrie testet ihre Me-too-Präparate, wie sie im Englischen heißen, nicht im direkten Vergleich mit Medikamenten, die den gleichen oder einen ähnlichen Wirkstoff enthalten.

Somit lassen sich keine Aussagen über eine womöglich bessere Wirksamkeit treffen. Stattdessen verlassen sich die Konzerne lieber auf ihre meisterhaft-suggestive Kunstfertigkeit, ihre Produkte zu vermarkten. Sie "überzeugen" Patienten wie Ärzte durch Werbung, Schulungen und Gratisproben von ihrem neuen Produkt.

SZ: Bloße Vermutungen sprechen aber auch nicht gegen diese Arzneien.

Angell: Selbst wenn es wünschenswert sein sollte, dass es einige solcher Nachahmerprodukte gibt, rechtfertigt das noch nicht, sechs oder acht eines Typs auf den Markt zu werfen.

Der US-Arzneimittelbehörde FDA zufolge sind 80 Prozent der neu eingeführten Medikamente keinen Deut besser als jene Tabletten, die wir längst schlucken.

SZ: Können Sie ein Beispiel nennen?

Angell: Das umsatzstärkste Medikament der Welt, Lipitor von Pfizer, das in Deutschland Sortis heißt, ist einer von sechs Fettsenkern auf dem US-Markt. Das erste Medikament dieser Art wurde schon 1987 von der Firma Merck unter dem Namen Mevacor hergestellt.

Seither entwickeln andere Firmen Variationen dieses Medikaments und drücken ihre Version mit Marketingkampagnen auf den Markt. Man könnte natürlich meinen, viele Medikamente eines Typs führten dazu, dass der Preis fällt.

Aber nichts dergleichen: Die Preise bleiben übertrieben hoch. Denn statt dass es einen heftigen Verdrängungswettbewerb gibt, steigt der Konsum dieser Pillen sogar an.

SZ: Woher wollen Sie wissen, dass Pharmahersteller ihre Entwicklungskosten als zu hoch angeben? Sie haben doch keinen Zugang zu den Daten.

Angell: Wenn die Konzerne diese Zahlen auch tatsächlich nicht aufschlüsseln: In ihren Jahresberichten geben sie immerhin die Gesamtkosten für ihre Forschungs- und Entwicklungsarbeit an. Was sie da preisgeben, ist erschreckend genug: Letztes Jahr setzten die zehn größten Pharmafirmen der USA 215 Milliarden Dollar um.

Nach eigenen Angaben investieren sie 15 Prozent ihrer Einnahmen in Forschung und Entwicklung, aber 32 Prozent - also mehr als doppelt so viel - in Vermarktung und Verwaltung. Zudem beträgt der Reingewinn 16 Prozent. Damit gehört die Branche zu den profitabelsten überhaupt. Vor diesem Hintergrund lässt sich nicht rechtfertigen, dass ihre Produkte so teuer sein müssen.

Im Gegenteil: Wenn überhaupt, dann werden die Wucherpreise doch wohl durch die Vermarktung diktiert. Die Pharmaindustrie bewirbt inzwischen nicht mehr Medikamente gegen die Krankheiten der Menschen, sondern umgekehrt Krankheiten, die zu den Pharmaprodukten passen.

SZ: Können Sie ein Beispiel nennen?

Angell: "Säurereflux". Das ist ein schicker Name für Sodbrennen, ein Symptom, das die meisten Menschen von Zeit zu Zeit verspüren. Während man früher ein Mittel einnahm, das die Magensäure neutralisiert oder ein Glas Milch trank, wollen die Hersteller von Nexium und anderen Säureblockern, dass wir glauben, Sodbrennen sei gefährlich und eine Langzeitbehandlung unbedingt nötig.

Manchmal kann Sodbrennen tatsächlich zu schweren Erkrankungen führen. Aber nur höchst selten.

SZ: Wie kommt es, dass Zulassungsbehörden dem nicht Einhalt gebieten?

Angell: Jener Teil der amerikanischen Zulassungsbehörde FDA, der Medikamente zulässt, erhält die Hälfte seines Budgets von Firmen, deren Medikamente er beurteilt. Er wird also von der Industrie bezahlt, die er regulieren soll.

Damit wollen Pharmahersteller nicht zuletzt den Prozess der Neuzulassungen beschleunigen. In der Zulassungsabteilung arbeiten dementsprechend 800 Mitarbeiter, während in der Abteilung für Arzneimittelsicherheit nur 14 Angestellte die Nachkontrolle der Produkte überwachen, die schon am Markt sind.

Die Folgen hat man beim Schmerzmittel Vioxx gesehen: Die FDA wusste seit dem Jahr 2000, dass die Einnahme des Medikaments das Risiko eines Herzinfarktes erhöht. Aber sie hat den Hersteller nicht gezwungen, das genaue Risiko in klinischen Studien zu überprüfen.