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Krebstherapie:Mit Fett gegen Tumoren

Linda Nebeling hat krebskranke Kinder mit einer fettreichen Diät behandelt. Mit SZ Wissen sprach die amerikanische Forscherin über praktische Schwierigkeiten, Chancen und übertriebenen Erwartungen.

Richard Friebe

Vor zwölf Jahren war Dr. Linda Nebeling vom vom amerikanischen National Cancer Institute die erste Medizinerin, die zwei Kinder mit aggressiven Hirntumoren mit einer fettreichen, kohlenhydratarmen Diät behandelte. Rechtfertigen konnte sie den Therapieversuch nur damit, dass die beiden Mädchen als Begleiterscheinung ihrer Krankheit auch epilepsieähnliche Anfälle hatten - und medikamentenresistenerte Epilepsie lässt sich tatsächlich nachweislich mit einer fettreichen Diät behandeln.

Linda Nebeling Krebsforschung Fetttherapie; oh

Musste ihre Forschungsmethoden verteidigen: Linda Nebeling.

Beide Kinder sprachen damals gut auf die Ernährungs-Therapie an. Doch seither hat es keine klinischen Versuche zur Behandlung von Krebspatienten mit dieser Methode gegeben. In Deutschland läuft derzeit eine erste solche Studie mit Krebspatienten, eine zweite soll im Herbst starten.

SZ Wissen: Frau Nebeling, Sie haben 1995 zwei Kinder mit extrem aggressiven Hirntumoren mit einer so genannten ketogenen - also sehr fettreichen und kohlenhydratarmen - Diät behandelt. Wissen Sie, was seither aus ihnen geworden ist?

Nebeling: Mein letzter Informationsstand ist von 2005. Damals lebte eines der Mädchen noch. Sie wurde von ihren Eltern nach Ende der Studie zwar nicht strikt ketogen weiterernährt, aber doch insgesamt kohlenhydratarm und fettreich.

SZ Wissen: Haben Sie Informationen über andere Krebspatienten, die es außerhalb von Studien mit der fettreichen Ernährung versucht haben?

Nebeling: Ich habe öfter Einzelinformationen von Patienten bekommen, die versucht haben, dem ketogenen Protokoll zu folgen. Ich kann als seriöse Medizinerin daraus keine Schlussfolgerung ableiten, ob die Diätanweisung Vorteile brachte oder nicht.

Das Feedback war gemischt. Einige Familien fanden es zu schwierig durchzuhalten, vor allem angesichts all der Probleme, mit denen sie so schon zu kämpfen hatten. Andere haben von sehr positiven Erfahrungen berichtet.

SZ Wissen: Warum ist es so schwierig, die Diätvorgaben umzusetzen?

Nebeling: Bei unseren Patienten war es so: Zunächst war die Voraussetzung, dass sie in stabiler Verfassung waren. Und sie mussten orale Nahrungszufuhr tolerieren. Zudem musste das ganze durch einen erfahrenen Ernährungsspezialisten begleitet werden, um zu sehen, wie sich der ketogene Status des jeweiligen Kindes entwickelte.

Solch eine Diät zuhause durchzuhalten erfordert eine Menge Überwachung durch einen dafür gut vorbereiteten Primärversorger. Und ich muss noch einmal sagen: Es wäre aus meiner Sicht unseriös, die ketogene Diät als Therapie zu bezeichnen. Man kann sie ansehen als mögliche Ergänzung zu einem medizinischen Behandlungsschema.

SZ Wissen: Warum gab es nach Ihrer kleinen, aber vielversprechenden Studie mit zwei Patientinnen keine weiteren klinischen Studien? Das scheint schwer verständlich, da Patienten mit solchen Tumoren nur wenige therapeutische Optionen haben.

Nebeling: Das war damals ein Pilotprojekt, in dem es streng wissenschaftlich genommen darum ging, den Glukosestoffwechsel von Kindern mit bestimmten Arten von Hirntumoren zu untersuchen. Wir wollten herausfinden, ob eine fetteriche, ketogene Diät die Glukoseaufnahme am Tumor bremste.

Es hat sich damals bei Kindern mit Astrocytom- und Glioblastom tatsächlich anhand von Messungen mit der PET-Methode gezeigt, dass die Glucoseaufnahme am Tumor zurückging. Theoretisch, wenn man an all die Arbeit mit Tiermodellen denkt, müsste eine Beeinflussung der Glukoseaufnahme auch die Wachstumsrate des Tumors beeinflussen. Allerdings war die Studie gar nicht darauf ausgerichtet, das zu untersuchen, wir haben die Größe des Tumors nicht über einen längeren Zeitraum beobachtet.

Ich weiß, dass es Mediziner gibt, die erneut klinische Studien machen und spezifisch nach dem Einfluss auf das Tumorwachstum suchen wollen. Das ist allerdings sehr teuer.

SZ Wissen: Wie sehen Sie die Chancen, in Zukunft Hirntumore und andere Krebsarten erfolgreich mit ketogener Diät oder mit Medikamenten, die die Glykolyse - also die Nutzung von Zucker in Krebszellen - hemmen, zu behandeln?

Nebeling: Ich glaube, dass das Konzept Zukunftspotential hat. Ich selbst habe immer wieder Wissenschaftlergruppen mit Informationen dazu versorgt. Die Idee erweckt Interessse, aber hat bisher nie die kritische Masse entwickelt, die nötig wäre, um eine größere klinische Studie zu machen.

SZ Wissen: Warum ist das so?

Nebeling: Die Logistik eines solchen Versuches wäre, zurückhaltend formuliert, komlex. Es gibt nicht viele Patienten, die nach den derzeitigen Regelungen für einen solchen Versuch infrage kämen, man müsste ihn also an vielen Orten gleichzeitig machen und aufwändig begleiten. Eine Alternative ist es, Einzelfallstudien von Leuten, die das Diätprotokoll befolgt haben, zu machen. Es gab bisher keinen einzigen großen klinischen Versuch.

Deshalb kann man auch nicht mit irgendeiner statistischen Sicherheit sagen, welchen Einfluss eine solche Ernährungsintervention hätte. Allerdings hat das Labor von Tom Seyfried (siehe SZ Wissen 17/2007) große Forschritte dabei gemacht, die Physiologie, die der Hyppothese zugrunde liegt, zu demonstrieren. Das ist auch in der wissenschaftlichen Literatur veröffentlicht.

Aber: Die medizinische Praxis sollte sich auf die Optionen konzentrieren, die nachweislich Krankheiten behandeln oder heilen können. Deshalb spielen Chemotherapie, Operation und Bestrahlung in der Behandlung von Tumoren solch eine große Rolle.

In der aktuellen Ausgabe von SZ Wissen (17/2007) finden Sie mehr über die weltweit ersten beiden größeren klinischen Studien an zwei deutschen Unikliniken zur Krebsbbehandlung mit ketogener Diät.

Weitere Artikel aus dem Magazin finden Sie hier.

© SZ Wissen 17/2007/sueddeutsche.de
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