Krebs bei Hunden Dem Körper entkommen

Krebs gilt als nicht ansteckend. Doch nun haben Forscher einen Hunde-Tumor nachgewiesen, der dem Körper des Tieres entkommt und sich auf Artgenossen überträgt.

Von Christian Heinrich

Erstmals trat der Tumor vermutlich Anfang des 19. Jahrhunderts bei einem Wolf oder Hund auf. Seitdem überlebte er bis heute, indem er immer wieder auf andere Hunde übergriff. Es handele sich um den ältesten bekannten Krebs und wahrscheinlich um die am längsten kontinuierlich wachsende Zelllinie unter Säugern, berichten Tiermediziner des University College London (Cell, Bd.126, S.477, 2008).

Der Hunde-Tumor trat wahrscheinlich schon Anfang des 19. Jahrhunderts auf.

(Foto: Foto: ddp)

Seit einiger Zeit schon gibt es Hinweise, dass der "übertragbare venerische Hunde-Tumor" (CTVT) eine ansteckende Krebserkrankung ist - bisher aber fehlten die Beweise. Die britischen Wissenschaftler untersuchten nun Proben krebskranker Hunde aus der ganzen Welt mit forensischen Methoden. "Wir stellten fest, dass nicht der Tumor zum Hund, sondern die Tumore zueinander passten", sagt Studienleiter Claudio Murgia. Die Krebsherde waren also nicht, wie es für Tumore üblich ist, aus Körperzellen der kranken Hunde entstanden. Sie gingen vielmehr auf eine einzige Zellkolonie zurück, die schätzungsweise 200 Jahre alt ist.

"Der Krebs hat es damals offenbar geschafft, aus dem ursprünglichen Körper zu entkommen, und entwickelte sich zu einer Art Parasit, der von Hund zu Hund übertragen wurde, bis er sich über die ganze Welt verbreitet hat", sagt der an der Studie beteiligte Virologe Robin Weiss. CTVT, auch als Sticker-Sarkom bekannt, wird vorwiegend sexuell übertragen, kann aber auch durch Lecken, Beißen oder Beschnüffeln von einem Tier zum anderen gelangen.

"Dass CTVT überhaupt weitergegeben wird, ist für einen Tumor äußerst ungewöhnlich", sagt die Tierärztin Olivia Kershaw von der Freien Universität Berlin. In der Regel kann der Krebs den Körper nicht verlassen - und überlebt deshalb nur so lange wie der von ihm befallene Organismus. "CTVT hat aber offenbar einen Weg gefunden, diese Beschränkung zu umgehen", so Kershaw. Etwas Ähnliches ist bisher nur von einer Krebserkrankung im Gesicht des Tasmanischen Teufels bekannt. Der Tumor wird übertragen, wenn sich die Beuteltiere beim Streit um Fleisch gegenseitig ins Gesicht beißen.

Beim Menschen gibt es nur indirekt Ansteckungen mit Krebs: Manche sexuell übertragbaren Viren lösen Tumore aus - am Gebärmutterhals zum Beispiel. Direkte Krebs-Übertragungen geschehen mitunter, wenn einem Patienten ein krankes Organ transplantiert wird.

Wichtig für die Ausbreitung des Hundekrebses war den Forschern zufolge, dass er nur mäßig aggressiv ist. "Er hätte sich nicht weltweit verbreiten können, wenn die Hunde schnell sterben würden", sagt Claudio Murgia. Ein Hund muss lange genug überleben, damit sich andere Tiere anstecken. Und er muss dabei auch so gesund wirken, dass sich Artgenossen mit ihm paaren. Diese Gratwanderung zwischen Zerstören und Lebenlassen gelingt dem Hundekrebs offenbar.