Sie hatten so große Pläne: Die sowjetische Sonde Kosmos 482 sollte 1972 zur Venus fliegen und dort aufsetzen, um die Atmosphäre zu vermessen. Doch die Mission schaffte es nie aus dem Erdorbit hinaus. Die Transfersonde verglühte schon vor Jahrzehnten, aber die Landesonde in der eiförmigen Eintrittskapsel umkreist seit 53 Jahren die Erde. Um Samstagmorgen herum soll sie wieder herunterkommen.
Die Venus ist ein ungemütlicher Ort, die Atmosphäre besteht aus Kohlenstoff mit Schwefelsäurewolken, am Äquator ist es 475 Grad heiß und am Boden herrschen 90 Bar Druck, so viel wie auf der Erde 900 Meter unter dem Meer. Damit die Eintrittskapsel dort bestehen kann, hat die sowjetische Raumfahrtagentur sie wohl besonders widerstandsfähig gemacht.
Deshalb besteht das Risiko, dass das etwa ein Meter große Raumgefährt beim Wiedereintritt in die Erdatmosphäre nicht verglüht, sondern als 495-Kilogramm-Kugel in einem Stück auf die Erdoberfläche rummst. Benjamin Bastida Virgili macht sich trotzdem keine Sorgen. Er ist Experte für Wiedereintritte am Weltraumschrott-Büro der Europäischen Weltraumagentur Esa in Darmstadt. „Jede Woche tritt so ein Objekt in die Erdatmosphäre ein. Die meisten hinterlassen nicht mal einen Krater.“
Wenn die Kapsel in die Erdatmosphäre eintritt, wird sie etwa 27 000 Kilometer pro Stunde schnell sein. Doch die Atmosphäre bremst sie, sodass sie am Schluss frei fällt wie ein Stein und im Luftwiderstand auf maximal 1000 Kilometer pro Stunde kommt. „Das ist nicht wie bei einem Meteoriten“, sagt Bastida Virgili. „Die werden nicht so stark von der Atmosphäre gebremst und schlagen mit viel höherer Geschwindigkeit auf der Erdoberfläche ein.“
Wie genau Kosmos 482 den Wiedereintritt überstehen wird, kann er nicht sagen: „Das ist das Hauptproblem. Es ist ein russisches Design aus den 60er- und 70er-Jahren. Wir wissen nicht mal, ob wir uns auf die angegebene Masse verlassen können.“ Welche Materialien die Sowjetunion damals verbaut hatte, weiß das Weltraumschrott-Büro der Esa nicht. Seit einigen Jahren beteilige sich die russische Raumfahrtagentur kaum noch am internationalen Austausch.
Die Sowjetunion verfolgte von 1961 bis 1985 ein Venus-Erkundungsprogramm namens Venera. Schon 1966 landete die erste Sonde auf der Venus-Oberfläche, allerdings unkontrolliert. 1970 folgte die weiche Landung von Venera 3, die 23 Minuten lang von der Oberfläche funkte. Die nun auf der Erde erwartete Kapsel aus dem Jahr 1972 erhielt eine Nummer aus dem Kosmos-Satellitenprogramm, um den Misserfolg zu verschleiern. Ihre eine Woche vorher gestartete Schwestersonde Venera 8 landete hingegen erfolgreich auf der Venus und sendete 50 Minuten lang Daten.
Die möglichen Einschlagsorte verteilen sich über die ganze Welt
Auch ohne Detailkenntnis der Eintrittskapsel ist Bastida Virgili unbesorgt. „Das Objekt ist nicht besonders groß“, sagt er. Wenn etwa eine Rakete von vier Tonnen Masse in die Atmosphäre eintrete, verbrenne sie bis auf zehn bis 30 Prozent. Diese verbleibende Masse ist etwa so groß wie die Gesamtmasse der Landekapsel von Kosmos 482.
„Es könnte auch sein, dass die Kapsel beim Wiedereintritt zerbricht“, sagt Bastida Virgilis. Sie sei zwar für die Venus-Oberfläche designt, aber während der 53 Jahre im All könnten ihr Strahlung oder Meteoriten zugesetzt haben. „Und wenn sie nicht zerbricht, ist der Schaden immerhin nur auf eine Stelle begrenzt.“
Wo diese Stelle sein wird, ist noch unklar. Der Zeitpunkt des Wiedereintritts kann im Moment nur mit einer Unsicherheit von 13,6 Stunden in beide Richtungen angegeben werden. Damit könnte er irgendwann zwischen Freitagabend um 17.20 Uhr und der Nacht auf Sonntag um 00.40 Uhr stattfinden. In dieser Zeit umrundet die Kapsel mehr als 18-mal die Erde. Jeder Punkt unter ihrer sich verschiebenden Laufbahn könnte ein möglicher Einschlagsort sein.
Es könne sein, sagt Bastida Virgili, dass das Zeitfenster auch kurz vor dem Ereignis nicht auf mehr als vier Stunden eingeschränkt werden könne – und damit auch die Vorhersage des Orts vage bleibt. Dann könnten zwar einzelne Regionen ausgeschlossen, aber der Ort des Aufpralls nicht vorhergesagt werden. Mit weiteren Beobachtungen könne man möglicherweise am Freitag Regionen wie Europa und Afrika ausschließen. Auf seinem Blog veröffentlicht das Weltraumschrott-Büro der Esa Updates der Lage.
Dass noch mehr vergleichbare sowjetische Raumsonden abstürzen, ist unwahrscheinlich. „Es gibt kein anderes solches Objekt im Weltraum“, sagt Bastida Virgilis. Die letzte russische Marssonde, die in der Erdumlaufbahn hängenblieb, ist 2011 schon wenige Tage später wieder auf die Erde gestürzt. Die Esa gibt das Risiko eines Menschen, in einem Jahr von Weltraumschrott verletzt zu werden, mit weniger als 1 zu 100 Milliarden an. Da der Wiedereintritt der Kosmos-482-Kapsel nur eines von vielen täglichen und wöchentlichen Ereignissen ist, beträgt das Risiko bei diesem Wiedereintritt einen Bruchteil des Jahresrisikos.

