Konferenz über Sexroboter:"Diese Technik könnte Prostitution reduzieren"

Lesezeit: 3 min

Konferenz über Sexroboter: Im Film "Her" verliebt sich Theodore (Joaquín Phoenix) in eine künstliche Intelligenz auf seinem Handy.

Im Film "Her" verliebt sich Theodore (Joaquín Phoenix) in eine künstliche Intelligenz auf seinem Handy.

(Foto: Warner Brothers Entertainment)

Sind Sexroboter gut oder schlecht? Das wollen Forscher auf einer Konferenz in London ergründen. Organisatorin Kate Devlin hält sogar Gefühle zwischen Mensch und Maschine für möglich.

Interview von Christoph Behrens

In London treffen sich von heute an Informatiker, Ethiker, Robotiker und andere Experten, um zwei Tage lang über "Liebe und Sex mit Robotern" zu diskutieren. Kate Devlin von der Goldsmiths, University of London hat die akademische Konferenz organisiert. Die Expertin für Mensch-Maschine-Interaktion forscht selbst zu Sexualität und Emotionen zwischen Mensch und Technik.

SZ.de: Warum wollen Menschen Sex mit einem Roboter haben?

Devlin: Na ja, wir wissen es nicht genau, aber es passiert bereits, und es ist wirklich eine Weiterentwicklung und eine andere Kategorie als Sexspielzeug. Momentan ist das aber ein sehr begrenzter Markt, weil die Produkte nicht besonders gut sind.

Was ist denn der Unterschied zwischen Sexspielzeug und einem Sexroboter?

Der Unterschied wird momentan so definiert: Ein Sexroboter ist ein humanoider Roboter, der sich mechanisch bewegt. So etwas gibt es in Ansätzen, um aber wirklich als Roboter zu funktionieren, bräuchte er noch eine Art künstliche Intelligenz. Erst damit wird er responsiv und kann etwa auf eine Situation reagieren, in der er sich befindet. Es gibt bereits smarte Sexspielzeuge wie Vibratoren. Aber die Spielzeuge sind eher interaktiv, nicht intelligent. Also der entscheidende Punkt bei einem Sexroboter ist, dass er über künstliche Intelligenz verfügt.

Wollen die Anwender der Technik tatsächlich einen Roboter mit Intelligenz? Kommt es ihnen darauf an?

Das wollen wir herausfinden, wir wissen es bislang nicht. Manche denken, künstliche Intelligenz wäre gut, andere stehen dem total ablehnend gegenüber, sie befürchten eine dümmliche Version eines Menschen. Die Technik hat auf jeden Fall positive und negative Seiten. Möglicherweise ist sie therapeutisch nützlich, etwa für Menschen, die keine traditionellen Beziehungen eingehen können - etwa wegen Einschränkungen oder Isolation.

Wäre es nicht besser, diesen Personen gesunde Beziehungen mit Menschen zu ermöglichen statt mit Maschinen?

Absolut, das wäre sehr schön, aber es scheint nicht immer möglich zu sein. Ich denke etwa an ältere Leute in Altenheimen, die nicht so mobil sind. Da müssen wir nach einer guten Alternative suchen.

Es gibt sehr viel Widerstand gegen die Technik, einige Wissenschaftler haben die "Kampagne gegen Sexroboter" ins Leben gerufen. Was halten Sie von deren Argumenten?

Sie finden, dass Sexroboter Frauen wie Objekte darstellen und das auf lange Sicht schädlich für Frauen ist. Das sollte man unbedingt untersuchen, aber ich finde nicht, dass es einen Grund für ein Verbot darstellt. Allerdings ist die Sexindustrie derzeit wirklich so aufgestellt, dass es häufig um Maschinen geht, die von Männern für Männer gebaut sind. Wie viele andere Technologien sind auch Sexroboter nicht für Frauen gemacht.

Die Ethikerin Kathleen Richardson zieht eine Parallele zwischen Sexrobotern und Prostitution.

Ich halte diesen Vergleich für fehlerhaft. Ihr Einwand ist, dass Sexroboter nicht entwickelt werden sollten, weil sie Sexarbeit nachahmen. Das ist problematisch, weil es den Frauen in der Sexarbeit die Handlungsinitiative abspricht - sie werden mit Robotern gleichgesetzt, das ist nicht gut. Außerdem könnte die Technik Prostitution reduzieren. Statt Frauen auszubeuten könnte man das Robotern überlassen. Ich finde die Idee eines Verbots deswegen nicht richtig.

Könnte es sein, dass diese Maschinen bestehende Stereotype zementieren? Die Anbieter setzen bei den Modellen ja statt auf die selbstbewusste Frau eher auf die devote Studentin oder Sekretärin.

Das ist sehr problematisch, und es betrifft auch viele andere Bereiche, wie etwa Virtual-Reality-Pornos, in die gerade sehr viel Geld fließt. Das läuft immer noch nach dem alten, Frauen ausbeutenden Schema. Jetzt fängt die Entwicklung bei Sexrobotern an, da wäre es an der Zeit, Frauen daran zu beteiligen.

Schlagen Sie vor, geeignete Sexroboter für Frauen zu entwickeln?

Bei den Käufern von Sexspielzeug gibt es bereits ein Verhältnis von annähernd 50:50 zwischen Mann und Frau. Und diese Industrie wird immer mehr von Frauen geführt. Die Gesellschaft ist jedoch so lange davon ausgegangen, dass Frauen keine solchen Sehnsüchte oder Wünsche haben sollten. Ich glaube, es wäre eine falsche Verallgemeinerung zu sagen, dass Frauen das überhaupt nicht möchten.

Die Konferenz betritt relativ neues Terrain. Welche Reaktionen haben Sie auf die Initiative bekommen?

Überwiegend positive, es gab aber auch Rückschläge. Ursprünglich sollte die Konferenz in Malaysia stattfinden. Aber die malaysische Polizei hat sie untersagt, daher findet sie nun in London statt. Malaysia ist ein sehr konservatives Land, und das ist wohl einfach ein Schritt zu weit für die Gesellschaft, für die Gesetze und die Einstellung der Bevölkerung.

Die Konferenz heißt ja nicht nur "Sex mit Robotern", sondern "Liebe und Sex mit Robotern". Glauben Sie, es ist möglich, dass jemand einen Roboter liebt?

Ja, ich denke schon. Menschen gehen ständig mit nichtmenschlichen Objekten und Wesen Bindungen ein, und sei es nur mit ihrem Haustier. Ob das als Beziehung zählt, die von anderen bestätigt wird, ist eine andere Frage. Aber es gibt keinen Grund, warum wir keine Emotionen gegenüber nichtmenschlichen Dingen empfinden sollten. Liebe muss nicht in beide Richtungen gehen, um valide zu sein. Die Frage ist, ob Roboter uns zurücklieben können. Wir sind immer noch sehr weit entfernt von bewussten oder fühlenden Maschinen. Und selbst wenn es sie gäbe, wüssten wir nicht, wie sie sich fühlen, ob sie die gleichen Gefühle haben wie wir.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Abo kündigen
  • Kontakt und Impressum
  • AGB