bedeckt München 26°

Kommunikation von Bienen:Warum sind die Bienen noch nicht verhungert?

Eine einheitliche Eichkurve zwischen Schwänzeldauer und Entfernung sei deshalb sehr unzuverlässig. Zudem werden die Referenzwerte mit zunehmender Entfernung immer ungenauer. "Für Strecken bis 100 Meter mag der Schwänzeltanz eine gewisse Entfernungsinformation enthalten", sagt Tautz. Für solch kurze Wege aber braucht keine Biene einen Wegweiser. Futtersuchende Honigbienen fliegen jedoch bis zu zehn Kilometer weit, und dann nützt ihnen der Schwänzeltanz gar nichts.

Bleibt die Frage, warum noch nicht alle Bienen verhungert sind, wenn der Schwänzeltanz derart un- oder missverständlich ist. "Wenn die Futterquelle ein Rapsfeld ist, kann die Information ruhig schlampig sein", sagt Tautz. Sobald die Bienen den Stock verlassen, finden sie den Pollen schon irgendwann. Außerdem lernen die Insekten mit der Zeit, wo es sich im Umfeld ihres Stocks zu suchen lohnt. Persönliche Vorlieben für bestimmte Futterplätze sind dann entscheidender als die vagen Angaben einer tanzenden Artgenossin. Die im Schwänzeltanz verschlüsselten Informationen dienten allenfalls als "Back-up", sagt auch Bienenforscher Grüter.

Von Düften - der einzigen Orientierungshilfe, die auch der Frisch-Kritiker Adrian Wenner anerkennt - lassen sich Bienen hingegen recht stark beeinflussen. Kehrt eine Biene von einem Futterplatz in den Stock zurück, bringt sie den Duft ihres Speiseplatzes mit sich, und dem folgen später ihre Artgenossen. Zusätzlich besitzen Bienen am Hinterleib eine Drüse, aus der sie bei einer bestimmten Flugtechnik, dem Brauseflug, den Duftstoff Geraniol absondern. Den Brauseflug, dessen Name von den charakteristischen Flügelgeräuschen stammt, wenden Bienen vor allem an einem neu entdeckten Futterplatz an. Die Flügelbewegungen verteilen die Duftmoleküle des Geraniols effizient, und zusammen mit den auch optisch auffallenden Flügelbewegungen werden andere Bienen davon angelockt.

All dies hatte auch Karl von Frisch schon bemerkt - und wieder verworfen, nachdem die Tanzsprache in der Öffentlichkeit so großen Zuspruch gefunden hatte. "Mitte der dreißiger Jahre vertrat Frisch die Hypothese, Bienen fänden Futterquellen mit Hilfe des Geruchs", sagt Adrian Wenner. "Ein Jahrzehnt später wechselte er zu der Tanzsprache-Hypothese, weil sie aufregender war."

Wenners kompromisslose Kritik fordert jene Wissenschaftler heraus, die dem Schwänzeltanz noch immer einen hohen Informationsgehalt zugestehen. "Die Tatsache, dass nachfolgende Bienen die Signale nur selektiv wahrnehmen, ändert nichts an der Bedeutung dieser Signale", schreibt Axel Brockmann von der University of Illinois in einem kürzlich im Fachblatt Cell veröffentlichten Kommentar. Entschieden ist der Streit um den Schwänzeltanz noch nicht.

Dabei wollen auch diejenigen seiner Kollegen, die den Mythos des Schwänzeltanzes angreifen, Karl von Frisch trotz seiner Fehleinschätzung gut dastehen lassen. Viele Experimente hätten unter ziemlich unnatürlichen Bedingungen stattgefunden, sagt Christoph Grüter, und Jürgen Tautz ergänzt: "Damals gab es noch keine Videokamera mit Zeitlupenfunktion. Das erleichtert unsere Arbeit heute sehr." Zudem ist der Schwänzeltanz für Menschen viel markanter als geruchliche Signale der Bienen, da sei es nur natürlich, dass man sich auf den Tanz konzentriere.

Und kennt man nicht ähnliche Beispiele kolossaler Wissenschaftsirrtümer auch aus der Geschichte? Bis ins 16. Jahrhundert hinein verkündeten Zoologie-Lehrbücher, dass Fliegen vier Beine haben - dabei konnte jeder selbst nachzählen, dass es sechs sind. Trotzdem hielt sich der Irrtum mehr als anderthalb Jahrtausende lang. Die These von der vierfüßigen Fliege stammte immerhin von Aristoteles.

© SZ vom 02.12.2009/beu

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite