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Kommunikation:Im Anfang war der Tratsch

Psychologen sind überzeugt: Klatsch ist der Kitt, der soziale Gemeinschaften zusammenhält.

Alle machen es. Obwohl es sich nicht gehört zumindest laut der gängigen Benimm-Ratgeber. Aber es ist einfach zu interessant, wie viel der Nachbar verdient, ob der Chef eine Affäre hat, ob die Tochter der Bekannten dieses Jahr in der Schule durchfällt.

Klatsch&Tratsch
(Foto: Foto: dpa)

Ungefähr 60 Prozent aller Unterhaltungen zwischen Erwachsenen, schätzen Psychologen, drehen sich um Leute, die nicht anwesend sind. Erwachsene bringen also mehr als die Hälfte ihrer Gespräche mit Tratsch zu. Und das ist gut so, sagen die Forscher.

Tratsch erspart schmerzliches Lernen

Denn Tratsch lehre den Menschen Dinge, die er sonst über schmerzliche Erfahrung lernen müsse. Außerdem, glaubt Robin Dunbar, Evolutionspsychologe an der Universität von Liverpool, sei Tratsch der Kitt, der die Gesellschaft seit alters her zusammenhalte: "Erst Tratsch macht die menschliche Gesellschaft, wie wir sie kennen, möglich."

In einer Sonderausgabe des General Review of Psychology hat sich jetzt eine Reihe von Experten mit der Bedeutung von Tratsch beschäftigt.

Kaum Studien

Für eine Tätigkeit, die so viel Lebenszeit in Anspruch nimmt, ist dem Tratsch bislang wenig wissenschaftliches Interesse gewidmet worden. Unter den Tausenden Artikeln, die beispielsweise die Literaturdatenbank Psychinfo für die neunziger Jahre auflistet, fand der Psychologe Eric Foster von der Universität von Pennsylvania nur etwas über siebzig, in deren Zusammenfassung das Wort gossip, die englische Entsprechung von "Tratsch", auftauchte. In Lehrbüchern kommt der Begriff so gut wie gar nicht vor.

Unter den wenigen Klatsch-Forschern ist Robin Dunbar der Nestor. Er hat einerseits Menschen und andererseits Primaten beobachtet. Erkenntnisse über Menschenaffen sind die Grundlage für seine These vom Klatsch als sozialem Kitt.

Soziales Gehirn

Affen halten, ebenso wie die menschlichen Vorfahren, ihre Sippen vor allem mit Zärtlichkeit zusammen: Das gegenseitige Lausen, da sind sich Primatenforscher einig, schafft Vertrauen und bindet die Tiere aneinander. Es ist für Affen sicherer, in größeren Gruppen zu leben, weil sich Raubtiere eher ein einzelnes Opfer greifen, als es mit einer ganzen Sippe aufzunehmen.

Weiter entwickelte Affen leben in größeren Gruppen zusammen — je größer die Großhirnrinde, desto größer ist die durchschnittliche Sippe. "Die Kortexgröße korreliert mit der Gruppengröße, aber beispielsweise nicht mit der Größe des Territoriums, das eine Art bewohnt", erklärt Josep Call vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig.

Viele Primatenforscher glauben deshalb, dass erst ein großes, "soziales" Gehirn das Zusammenleben in großen Gruppen ermöglicht.

In großen Sippen — Affengruppen haben bis zu achtzig Mitglieder — müssen in einem begrenzten Zeitraum mehr andere Tiere gelaust und gekrault werden, um den Zusammenhalt zu wahren, als in kleineren Gruppen.

Dunbar's Number

Irgendwann, sagt Dunbar, sei dann die Obergrenze erreicht. Affen verbringen ohnehin bereits bis zu einem Fünftel ihres Tages damit, das Fell ihrer Artgenossen zu pflegen.

Auch bei Menschen gebe es eine maximale Größe, bis zu der eine Gruppe noch aufgrund persönlicher Kontakte funktioniere, glaubt Dunbar: etwa 150. Diese Zahl hat als Dunbar's Number in verschiedene Bücher über Wirtschaft und Kommunikation Eingang gefunden.

Grundlage sind zwei unterschiedlichen Quellen: Zum einen hat Dunbar den statistischen Zusammenhang zwischen Kortex- und Gruppengröße bei Affen einfach weitergerechnet, bis hin zum Umfang menschlicher Großhirnrinden — und landete damit bei einer Gruppengröße von etwa 150.

Sprache schafft Zusammenhalt

Außerdem sammelte er Daten über Gesellschaften wie die Pygmäen im Kongo, die auch heute noch als Jäger und Sammler leben, und stieß wieder auf die magische 150. Es gibt mit "Gore & Associates" sogar ein Unternehmen, das Werke mit nicht mehr als 150 Arbeitsplätzen baut: Beim Gore-Tex-Hersteller "gehört das Familiäre zur Kultur", erklärt Sprecherin Cynthia Amon.

Wird eine Fabrik zu groß, "spaltet sich in einer Art Zellteilung eine neue Filiale ab".

Erst die Entwicklung der Sprache habe es möglich gemacht, in solch großen Gruppen für sozialen Zusammenhalt zu sorgen, glaubt Dunbar: "Sie erlaubt uns, mit einer Reihe von Individuen gleichzeitig zu interagieren und Information über den Zustand unseres sozialen Netzwerks auszutauschen."

Tratschen statt Lausen

Seine Studien zeigten, dass sich auch heute noch die meisten Unterhaltungen um soziale Themen drehten. Tratschen, glaubt Dunbar, hat für die Menschheit das Lausen ersetzt.

Der Linguist Jim Hurford von der Universität von Edinburgh stimmt Dunbars Vorstellungen über die soziale Bedeutung von Sprache grundsätzlich zu: "Die Idee, dass ein gemeinsames Kommunikationssystem es uns erlaubt, in größeren Gruppen zusammenzuleben, ist gut."

Er warnt aber vor voreiligen Schlüssen. "Sprache ist ein unglaublich komplexes System, komplexer, als es für soziale Interaktion allein notwendig wäre", erklärt Hurford. "Gruppengröße und Sozialleben haben bei der Entwicklung sicher eine Rolle gespielt, aber wir sollten nicht nur nach einer einzelnen Ursache für ein so komplexes Phänomen suchen".

Selbstschutz

Das verpönte Geplauder über die anderen ist aber ohnehin nicht nur sozialer Klebstoff, sondern gleichzeitig Informationsquelle über die eigene Umwelt. "Wir lernen dadurch, wie wir uns benehmen, wie wir denken und kommunizieren sollen", glaubt Eric Foster.

Schlimme Erfahrungen etwa, die andere mit treulosen Liebhabern oder intriganten Kollegen machen, können verarbeitet und zum Selbstschutz genutzt werden.

Roy Baumeister von der Florida State University und zwei seiner Kollegen ließen in einer Studie Studenten Fragebögen ausfüllen, in denen nach Klatsch aus der jüngeren Vergangenheit gefragt wurde.

Die Moral von der Geschicht...

Die Teilnehmer mussten angeben, um wen es dabei gegangen war, welche Gefühle das Gerücht bei ihnen ausgelöst hatte und ob sie eine Lehre daraus gezogen hätten.

Obwohl Tratsch gemeinhin einzelne Personen betrifft, leiteten die Teilnehmer eher generelle Verhaltensregeln ab. Sie reichten von "vergiss nie, wer deine wahren Freunde sind" bis hin zu "Untreue kommt immer irgendwann heraus".

Besonders finstere Geschichten transportieren eine Moral offenbar am besten — wie Märchen, die auch oft grausige Elemente haben. Je negativer die Gefühle waren, die eine Tratschgeschichte ausgelöst hatte, desto eher meinten die Teilnehmer, etwas daraus gelernt zu haben.

Tratsch als Wettbewerbsvorteil

"Tratsch erweitert die Gelegenheiten für kulturelles Lernen", folgern Baumeister und seine Kollegen. "Man kann von den Erfahrungen anderer profitieren" und somit lernen, "wie man in den komplexen und mehrdeutigen Strukturen menschlichen Soziallebens effektiv zurechtkommt".

Eine andere Studie zeigte, dass junge Amerikaner sich am meisten für Klatsch über Berühmtheiten interessierten, die das gleiche Geschlecht wie sie selbst hatten und etwa im gleichen Alter waren. Die Psychologen Francis McAndrew und Megan Milenkovic folgerten, dass Menschen Tratsch benutzen, um Informationen zu sammeln, die ihnen möglicherweise im Wettbewerb ums andere Geschlecht von Nutzen sein können.

Aber natürlich kann Sprache mehr, als Informationen über das Privatleben unserer Mitmenschen zu übertragen. Etwa Sachinformation übermitteln, beispielsweise darüber, wie man am besten eine Fallgrube aushebt oder einen Flaschenzug baut.

Der "technologische" Gebrauch von Sprache sei aber möglicherweise erst später entstanden, gewissermaßen als Abfallprodukt, glaubt Robin Dunbar. Auch heute noch drehten sich schließlich die meisten Gespräche um Soziales. Eventuell, so daher seine kühne These, war der Austausch wissenschaftlicher und technologischer Information ein Nebenprodukt der geistigen Entwicklung der Menschheit — und Sprache ursprünglich zum Tratschen da.