Nun also: die Wespe. Man hat sich ja schon gefragt, welches Tier in diesem Jahr das in Redaktionen teils zu Unrecht, teils zu Recht gefürchtete Sommerloch befüllen würde. In Ermangelung eines entlaufenen Krokodils oder eines exotischen Spinnenweibchens ist es nun die gemeine Wespe. Sie schlägt sogar Flecki, den an einer Raststation verschollenen Hund. Ein "Superwespenjahr" rufen die Nachrichtenagenturen aus, und weil es der gefühlten Wahrheit so schön nahekommt (mancher ist ja in diesem Sommer tatsächlich schon einer Wespe begegnet), drucken, tröten und blasen es Tageszeitungen, Radio, Fernsehen und natürlich das stets alerte Internet in die Welt: absoluter Wahnsinn, die Wespen in diesem Jahr!
Die Evidenz? Tja, da wird es schwammig. Losgetreten hat die diesjährige Wespen-Saga eine Agenturmeldung, die auf den Zählungen von Klaus Mönch beruht, der im Umweltamt der Stadt Ratingen (91 000 Einwohner) seit vielen Jahren die Zahl gemeldeter Wespennester notiert. Steigt die Zahl der Meldungen gegenüber dem Vorjahr um mehr als 33 Prozent, ruft Herr Mönch ein Wespenjahr aus. Nachdem Ratingen dann doch nicht die Welt ist, musste die Sache auf eine breitere Basis. Eine weitere Wespenmeldung dieser Woche basierte auf Julian Heiermann vom Naturschutzbund Nabu, der sagt, man könne schon sagen, dass es derzeit sehr viele Wespen gibt, und übrigens mögen sie Süßes. Die Überschrift der Nachrichtenexperten lautet dann: "Nabu: Superjahr für Wespen". So hat das der Nabu gar nicht gesagt? Egal. Dass auf Nachfrage sowohl die Landesanstalt für Bienenkunde in Hohenheim als auch das Institut für Bienenkunde in Oberursel keineswegs eine "Plage" erkennen, sollte die steile These nicht stören. Auch der Verband deutscher Schädlingsbekämpfer sieht keinen Ausnahmezustand, hält aber regional große Unterschiede für möglich.
Ein Sträußchen Basilikum kann darüber entscheiden, ob man ein Superwespenjahr erlebt
Was bleibt, ist die Nachricht: Es ist warm. Es ist August. Und es gibt Wespen, eindeutig mehr als im Februar. Wesentlich spannender sind - Superwespenjahr sei Dank - viele der Hintergrundinformationen, die nun Beachtung finden: zum Beispiel die Tatsache, dass das Kohlendioxid der Atemluft die Wespen aggressiv macht, also möge man die Tiere nicht anpusten. Kupfermünzen auf dem Tisch seien nutzlos, erklärt der Landesbund für Vogelschutz. Basilikum stößt die Insekten hingegen ab. Ein Sträußchen davon auf dem Tisch kann also darüber entscheiden, ob man subjektiv ein Superwespenjahr erlebt oder nicht. Mit einem Stück Zwetschgendatschi im Garten oder einem Steak auf der Terrasse kann sich die heimische Umgebung allerdings in eine Superwespenwelt verwandeln.
