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Kommentar:Ende der Schonzeit

Astrid Viciano

Die Entscheidung war überfällig: Nach einer Vielzahl von Merkwürdigkeiten in den Publikationen einer Bremer Diabetologin, hat die DFG ihr eine bereits bewilligte Heisenberg-Professur wieder entzogen - ein richtiges Signal.

Forscher stoßen oft in neue Gebiete vor, ähnlich wie früher die Abenteurer auf ihren Expeditionen in unbekannte Länder. Häufig wissen nur die Entdecker, was genau dort zu sehen ist. Und ob sie ihre Beobachtungen wahrheitsgemäß niedergeschrieben haben. Darum sind ehrliche Wissenschaftler nicht leicht von Betrügern zu unterscheiden. Es erfordert daher Mut und Entschlossenheit, wenn Institutionen der Forschung gegen mögliche Scharlatane vorgehen.

Eine solche Entschlossenheit zeigt nun die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG). Sie verkündete am Freitag, der Pharmakologin Kathrin Mädler von der Universität Bremen eine bereits bewilligte Heisenberg-Professur doch nicht zu geben - eine Professur, die als Ritterschlag für Wissenschaftler gilt, mit hohen Anforderungen an "wissenschaftliche Integrität, und mit hoher Vorbildfunktion", erklärt die DFG. "Diese Voraussetzungen liegen bei Frau Mädler nicht mehr vor", sagt die Generalsekretärin Dorothee Dzwonnek. Im Gegenteil: Der Hauptausschuss der DFG stellte ein "wissenschaftliches Fehlverhalten" der bekannten Diabetesforscherin fest.

Es war höchste Zeit. Seit Jahren gibt es massive Kritik an Fachartikeln, an denen Mädler beteiligt war. Auf der Internetseite PubPeer wurden Merkwürdigkeiten in mehr als 20 Fachpublikationen beschrieben, aus den Jahren 2001 bis 2014. Inzwischen hat die Diabetesforscherin für vier Fachartikel Korrekturen ihrer Bilder veröffentlichen müssen, im November 2015 zog das Journal of Biological Chemistry sogar einen Artikel der Pharmakologin zurück. Dennoch kam eine von der Universität Bremen eingesetzte Untersuchungskommission zu dem Schluss, dass für die Feststellung eines Fehlverhaltens "hinreichende Anhaltspunkte" fehlten, so eine Stellungnahme des Rektors Ende Oktober. Schwamm drüber.

Stattdessen lud die Universität Ende November vollmundig zu einem Vortrag ein: Einer der renommiertesten Diabetesforscher Großbritanniens werde die Universität Bremen besuchen, um einen Gastvortrag zu halten. Das sei eine "große Anerkennung", heißt es in der Pressemitteilung. Übrigens werde die Veranstaltung von Kathrin Mädler organisiert, eine Ehre für die Wissenschaftlerin also.

Natürlich ist es für eine Universität wichtig, ihren Ruf zu wahren. Manchmal jedoch ist die Angst vor schlechter Publicity so groß, dass Verdachtsfällen nur halbherzig nachgegangen wird. Mit desaströsen Konsequenzen, weil so das Vertrauen in die Wissenschaft verloren geht. Die DFG-Entscheidung hingegen zeigt, dass schwarze Schafe auch in der Forschung Strafe befürchten müssen. Und dass es in der Wissenschaft vor allem um Erkenntnis gehen sollte, nicht um Ruhm.