Kolibris Der Flügelschlag des Kolibris inspieriert Techniker bis heute

Alfred Brehm beklagte, weder Stift noch Pinsel könnten helfen, den "fliegenden Edelstein" abzubilden. Wie versteht man ein Lebewesen, dessen Bewegungen mit den gegebenen Sinnen nicht zu erfassen sind? Konnte man Ende des 19. Jahrhunderts den Flug "normaler" Vögel fotografisch in seine Bewegungsabschnitte zerlegen, erforderte die Frequenz hier - je nach Art 12 bis 80 Flügelschläge pro Sekunde - ein anderes Vorgehen. Der MIT-Forscher Harold Edgerton, der das legendäre Foto vom Aufprall eines Tropfens in einer milchgefüllten Schale schießen sollte, kombinierte 1928 ein Stroboskop mit einer Kamera und filmte Kolibris im Garten eines Bekannten. Er konnte 540 Bilder pro Sekunde aufnehmen. Edgerton verstand den Schwebeflug nun besser und zeigte, dass Kolibris rückwärts fliegen können - was viele Vogelkundler bezweifelt hatten.

Interessant sind auch die besonderen Töne. Wie große Insekten - zum Beispiel das verblüffend ähnliche Taubenschwänzchen - erzeugt der Kolibri ein mehr oder weniger dumpfes oder hohes Brummen. Die einen beschrieben es als das Sausen eines Wirbelwinds, andere als Surren eines maschinell gedrehten Rades. Der Naturforscher Philipp Henry Gosse sah sie als Zwergelfen, die sich "wie Bienen" zusammenrotteten und die Luft mit ihrem Brummen "wie in der Umgebung eines Bienenstocks" erfüllten. Gesang hatte der Naturkundler nur beim Zwergkolibri vernehmen können: "ein zwar schwaches, aber höchst angenehm klingendes Liedchen".

"Sie folgten der Wellenbewegung des Meeres"

Die größte Artenvielfalt gibt es rund um den Äquator, doch sind Kolibris als Zugvögel auch in Alaska und Kanada zu Hause. So fliegt der Rubinkehlkolibri nach Mittelamerika und haushaltet so sparsam mit seiner Energie, dass er den Tausendkilometerflug über den Golf von Mexiko bewältigen kann. Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts verfolgten Forscher die Reise. Ein gewisser Dr. Jones schrieb 1905, nachdem er sie an der kanadischen Küste beobachtet hatte: "Die Kolibris zogen während des ganzen Tages vorbei, und alle flogen sehr tief. Sie folgten der Wellenbewegung des Meeres und tauchten in die Wellentäler, um sich vor dem Seitenwind zu schützen, der sie zu behindern schien."

Seitdem hat sich das Kolibri-Wissen weiter verfeinert. Heute weiß man, dass sie eine ähnliche ökologische Nische besetzen wie die Nektarvögel Afrikas und die Honigfresser Australiens. Da die Knochen so zerbrechlich sind, hat niemand damit gerechnet, Überreste zu finden, doch vor zehn Jahren konnte Gerald Mayr vom Forschungsinstitut Senckenberg mit einer Sensation aufwarten. In einer Tongrube in der Nähe des baden-württembergischen Wissloch war ein fossiler Kolibri aus der Tertiärzeit gefunden worden. Der 30 Millionen Jahre alte Vogel bekam den Namen Eurotrochilus inexpectatus: "unerwarteter europäischer Kolibri".

Es heißt, Engelhart Zaschka habe sich bei der Erfindung des Hubschraubers von Kolibri und Libelle inspirieren lassen. Und selbst die Entwickler moderner Technik können sich an den Mini-Vögeln nicht satt sehen. Der "Nano Hummingbird", eine Drohne mit Roboterflügeln, vom Pentagon in Auftrag gegeben, verdankt sich dem lebenden Vorbild. Sie ist mit ihren 16 Zentimeter Länge gar nicht so winzig, dennoch kleiner als die 25 Zentimeter lange Schwarzschwanz-Lesbia, deren Schwanz allerdings 14 Zentimeter misst.