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Kohlenmonoxid-Vergiftung In der Garage grillen und mit dem Leben bezahlen

Von Felicitas Witte

Der 36-jährige Mann war gerade in den leeren Tank geklettert und hatte begonnen, ihn mit einem Dampfstrahler zu reinigen. Plötzlich hören seine Kollegen einen dumpfen Aufprall - der Mann ist ohnmächtig geworden. Der Notarzt misst schnell, wie viel vom roten Blutfarbstoff, also vom Hämoglobin, mit Kohlenmonoxid (CO) besetzt ist - das macht er immer bei Ohnmächtigen, die in geschlossenen Räumen Gasen oder Dämpfen ausgesetzt sein könnten.

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41,2 Prozent, stellt er fest - normalerweise sind es weniger als zwei. Nach 40 Stunden Beatmung wacht der Mann auf - an den Unfall kann er sich aber nicht erinnern. Vermutlich wurde durch die Hitze bei der Hochdruckreinigung CO aus dem Innenlack des Tanks freigesetzt, wodurch sich der Mann vergiftete.

Medizin

Wie Kohlenstoffmonoxid den Körper vergiftet

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Immer wieder kommt es auch im Haushalt zu Kohlenmonoxid-Vergiftungen. Besondere Gefahrenquellen sind Gasthermen, Öfen und Lager für Holzpellets. "Das Fatale an der CO-Vergiftung ist, dass man sie zunächst kaum bemerkt, bis man plötzlich ohnmächtig ist", sagt Christoph Dodt, Chefarzt des Notfallzentrums am Klinikum Bogenhausen. CO ist ein farbloses Gas, das durch unvollständige Verbrennung von kohlenstoffhaltigem Material entsteht, wenn Sauerstoff fehlt. Da CO weder schmeckt noch riecht oder die Atemwege reizt, nimmt man das Gas unbemerkt über die Lungen auf.

"Die Leute wollen grillen - egal wie das Wetter ist"

Dort gelangt es ins Blut und bindet sich statt Sauerstoff an Hämoglobin. Eine leichte Vergiftung löst Kopfschmerzen, Schwindel, Erbrechen oder Kurzatmigkeit aus. Manche spüren ihr Herz schneller pumpen und fühlen sich schlapp. "Bei einer schweren CO-Vergiftung färbt sich die Haut manchmal kirschrot", sagt Dodt, "das sieht auf den ersten Blick gesund aus und verschleiert, wie schlecht es dem Betroffenen eigentlich geht." Sind mehr als 70 Prozent des Hämoglobins mit CO besetzt, stirbt man innerhalb weniger Minuten.

Todesfälle wegen Kohlenmonoxid

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Laut Statistischem Bundesamt wurden zwischen 2015 knapp 3500 Patienten wegen einer CO-Vergiftung stationär aufgenommen. Viele vergiften sich, weil sie in Haus oder Wohnung grillten. Michael Christ, bis vor Kurzem Chef-Notfallmediziner an der Paracelsus-Klinik in Nürnberg und jetzt am Kantonsspital Luzern, ärgert sich darüber: "Die Leute wollen grillen - egal wie das Wetter ist. Und machen sich keine Gedanken, dass das lebensgefährlich ist." So wie die drei Jugendlichen, die ihren Grill in die Garage schleppten, weil es draußen frisch wurde.

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Als die Eltern nach Hause kommen, finden sie die drei bewusstlos. Zwei werden an der frischen Luft wieder wach, der dritte erst auf der Toxikologischen Intensivstation der Technischen Uni München. "Selbst wenn man Fenster, Türen oder das Garagentor zum Lüften öffnet, können CO-Konzentrationen entstehen, die zum Tode führen", sagt Christ. Diese Gefahr besteht auch bei sogenannten Indoor-Grills.

"Als Laie kann man eine CO-Vergiftung nicht erkennen", sagt Roland Bingisser, Chef-Notfallmediziner an der Uniklinik in Basel. "Aber das Risiko, das zu einer solchen Vergiftung führen kann: zum Beispiel, wenn jemand schläfrig oder ohnmächtig im Wohnzimmer im Sessel liegt, und man sieht, dass im Raum gegrillt wurde." Die erste Maßnahme ist dann: alle Fenster weit aufreißen und den Notarzt rufen. Der entscheidet, ob der Patient in eine Klinik mit Überdruckkammer gebracht werden muss. Dort atmet er 90 Minuten lang reinen Sauerstoff unter einem erhöhten Umgebungsdruck.

CO-Melder retten leben

Die Symptome einer leichten Vergiftung könne man leicht mit denen anderer Krankheiten verwechseln, sagt Christ, "da ist die Diagnose auch für uns Ärzte manchmal schwierig". So wie bei dem älteren Ehepaar, das seit Tagen immer wieder unter Bauchschmerzen und Übelkeit litt, letztendlich hatten beide aber eine chronische CO-Vergiftung. Sie saßen jeden Abend vor dem Kamin, der nicht ausreichend belüftet war und ständig zu viel CO freisetzte. Nach der Reparatur des Kamins hörten die Symptome schlagartig auf.

Immer wieder sehen die Notärzte auch CO-Vergiftungen durch defekte Gasthermen. So fand die Feuerwehr eine Frau und ihre Tochter am Neujahrstag bewusstlos in ihrer Wohnung im Erdgeschoss eines Mehrfamilienhauses. Aus der defekten Gastherme im Keller war CO, das leichter ist als Luft und durch Mauerwerk dringen kann, nach oben gestiegen und hatte die beiden unbemerkt vergiftet. Auch bei den Bewohnern im ersten Stock wurden erhöhte CO-Konzentrationen im Blut nachgewiesen. Sie erzählten, sie hätten Kopfschmerzen gehabt und hatten es auf die Silvesternacht und den Föhn zurückgeführt.

Besonders vorsichtig müssen Besitzer von Holzheizungen sein. "Immer mehr Leute heizen mit Holzpellets. Aber dass die gepressten Sägespäne CO freisetzen können, ist den wenigsten bekannt", sagt Axel Hahn, Toxikologe am Bundesinstitut für Risikobewertung. Bei der Herstellung der Pellets werden chemische Prozesse in Gang gesetzt, bei denen unter anderem CO entsteht. "Noch Monate danach kann CO frei werden", sagt Hahn. "Pellets sollte man immer in separaten Räumen lagern, die ständig belüftet werden können", rät er. Eine Menge von 70 Litern, also etwa die Größe eines Müllsackes, könne man in einem nicht abgeschlossenen Raum bei regelmäßiger Lüftung problemlos aufbewahren.

Moderne Thermen lassen sich heute per App auf dem Mobiltelefon steuern

Frieder Kircher, leitender Branddirektor in der Direktion Nord der Berliner Feuerwehr, plädiert schon seit Jahren dafür, dass in jedem Haushalt mit Gasthermen, Kaminöfen, offenen Feuerstellen oder in Räumen, wo Pellets gelagert werden, CO-Melder installiert werden. "Die kosten kaum etwas, sind so einfach aufzuhängen wie eine Lampe und man braucht auch nicht den Vermieter zu fragen." Die Geräte sollten geprüft sein (DIN beziehungsweise VDE) und optisch wie akustisch vor zu hohen CO-Konzentrationen warnen.

Einen CO-Melder installiert man am besten in den Schlafzimmern oder im Flur davor, in einer Höhe von 1,5 bis 1,85 Metern. Wer besonders sichergehen möchte, bringt einen zweiten Melder in sechs Metern Abstand zu Gastherme oder Kaminofen an. "Ich würde nicht gerade ein Billiggerät für zehn Euro kaufen", sagt Kircher. "30 bis 50 Euro sollte man schon investieren." Diese Geräte hätten oft Langzeit-Lithiumbatterien, die man erst nach zehn Jahren austauschen muss, und können per Funk mit anderen CO-Meldern vernetzt werden. "Ein CO-Melder ersetzt natürlich nicht die regelmäßige Wartung von Feuerstellen", sagt Kircher.

"Wir bieten verschiedene Möglichkeiten an, damit Heizungsbesitzer das nicht verpassen", sagt Jens Wichtermann von der Firma Vaillant. "Zum Beispiel erscheint ein Text auf dem Gerät mit dem Hinweis ,Wartung fällig'." Moderne Thermen lassen sich heute per App auf dem Mobiltelefon steuern, und diese App kann einen auch an die Wartung erinnern. Eine andere Möglichkeit ist, einen Wartungsvertrag abzuschließen, dann meldet sich der Handwerker von sich aus.

Feuerwehrmann Kircher versucht indes, Kinder und Jugendliche in Schulen im Rahmen der Brandschutzerziehung über die Gefahren von CO aufzuklären. "Das Problem sind oft die Eltern", sagt er. "Die meisten der heute 30- bis 40-Jährigen haben nie gelernt, wie man ein Feuer macht und mit welchen Risiken das einhergeht. Wie sollen aber Kinder wissen, dass man nicht drinnen grillen darf, wenn das den Eltern nicht bewusst ist?"

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