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Psychologie:Ideal und Qual

Young athlete exercising with barbell in gym model released Symbolfoto property released PUBLICATION; Fitness

Trainieren, um attraktiver zu wirken? Gar nicht mal so sinnvoll, legen einige Studien nahe.

(Foto: imago/Westend61)

Eine schlanke Figur und gestählte Muskeln steigern die Attraktivität? Der vermeintlich perfekte Körper beeindruckt das andere Geschlecht weitaus weniger, als meist angenommen.

Viele Träume üben vor allem Druck auf die Träumenden aus. Man jagt einer Idealvorstellung hinterher, die sich beim besten Willen nicht erreichen lässt, quält sich, ist enttäuscht und badet täglich in Unglück. Hin und wieder könnte es also hilfreich sein, diese Idealvorstellungen anzupassen. Seit gefühlten Jahrzehnten wird etwa über die Schönheitsideale der Modeindustrie gestritten und argumentiert, dass die teils dürren Körper der Models ein gefährliches Vorbild darstellten. Trotzdem streben ungebrochen viele danach, so schön, so schlank und so begehrenswert zu sein wie jene Models, über die so verbissen debattiert wird.

Aber wessen Ideal sind die Körperproportionen der extrem schlanken Models eigentlich, die allen Streitereien zum Trotz in Lifestyle-Magazinen die Regel bleiben? Die Psychologinnen Sarah Johnson und Renee Engeln von der Northwestern University, Illinois, zeigen in einer Studie, dass Frauen wohl stark überschätzen, wie attraktiv Männer sehr schlanke Partnerinnen finden. Insbesondere junge Frauen im Alter bis etwa Mitte 20 glaubten an die spezielle Anziehungskraft enorm schlanker Körper, berichten sie im Fachjournal Sex Roles. Die männlichen der insgesamt mehr als 2000 Teilnehmer der Studie hatten ihrerseits eine verzerrte Vorstellung davon, welche Figur Frauen für sich selbst als ideal empfänden: Auch sie glaubten, dass mehr Frauen von einer besonders dünnen Figur träumten, als dies der Fall war.

Auch Männer überschätzen, wie muskulös sich Frauen ihren Partner wünschen

Natürlich hecheln auch Männer einem Traumkörper hinterher, der ein unerreichbares Versprechen aus Sixpack, breitem Kreuz und muskulösen Oberarmen ist. Mit dem Super-Power-Workout, so behaupten manche Magazine seit Jahrzehnten, klappe es erstens mit dem Traumkörper und zweitens sei dann der Erfolg bei Frauen garantiert. Auch für Männer gilt: Sie überschätzen, wie anziehend sie damit auf Frauen wirken, wie die Psychologen Xue Lei und David Perrett von der schottischen Universität St. Andrews im British Journal of Psychology berichten. In ihrer ebenfalls aktuellen Studie stellten sie die gleiche Diskrepanz zwischen Idealvorstellung und der Wirkung auf das andere Geschlecht fest.

In dieser Studie zeigte sich, dass Männer überschätzen, wie muskulös sich Frauen einen Partner wünschen. Insbesondere wenn die Forscher danach fragten, welche Körperform maximalen Datingerfolg für kurze sexuelle Abenteuer garantiere, waren die Vorstellungen überzogen. So schlank wie möglich, sagten sinngemäß die Frauen; so viele Muskeln wie möglich, glaubten die Männer.

Kann sich aus Nachrichten wie diesen etwas Entspannung an der körperlichen Unzufriedenheitsfront ergeben? Es existieren schließlich ausreichend Studien, die ein geringes Selbstwertgefühl, Depressionen oder Essstörungen in einen Zusammenhang mit dem von der Modeindustrie propagierten Schönheitsideal stellen. Allerdings besteht wohl wenig Hoffnung: Schon 1985 veröffentlichten die Psychologen April Fallon und Paul Rozin eine bis heute zitierte Studie, in der klar wurde: Dürre Models auf dem Laufsteg wirken gar nicht so attraktiv auf den Normalbetrachter, wie so viele meinen. Geändert hat sich dennoch nichts, die alten Ideale quälen weiter.

© SZ vom 26.06.2020
Mature man carrying crate with vegetables in his garden model released Symbolfoto property released

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