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Knochenfund eines Steinzeitmannes:Der russische Urahn

Knochen eines Steinzeitmannes, der vor 37 000 Jahren in Russland auf die Jagd ging, erhellen die Besiedlungsgeschichte Europas. In seinem Erbgut fanden Forscher auch Anteile von Neandertaler-DNA.

Im Erbgut heutiger Europäer sind noch Spuren der ersten aus Afrika eingewanderten modernen Menschen zu finden. Das zeigw die Analyse von Erbgut aus Knochen eines Mannes, der vor etwa 37 000 Jahren im europäischen Teil des heutigen Russlands lebte, berichten Forscher im Fachblatt Science.

Ähnlichkeiten mit Menschen aus Ostasien fanden sie nicht. Das belege, dass sich die westeurasische und die ostasiatische Linie schon vor mindestens 36 200 Jahren getrennt hatten. Experten gehen davon aus, dass die Vorfahren der heutigen Eurasier - also der Bewohner Europas und Asiens - vor etwa 60 000 bis 50 000 Jahren Afrika verlassen haben und sich dann auch in Richtung Europa ausbreiteten. Vor 40 000 Jahren hatten sich bereits verschiedene Kulturen anatomisch moderner Menschen über Russland, Georgien, Bulgarien und Südeuropa bis nach Großbritannien hin verbreitet, schreiben die Forscher. Inwieweit die frühesten Eurasier zum Genpool heutiger Europäer beigetragen haben, ist unter Wissenschaftlern bisher umstritten.

Das internationale Forscherteam um Andaine Seguin-Orlando von der Universität Kopenhagen analysierte nun Erbgut aus dem Schienbein eines Mannes, dessen Überreste 1954 im Westen Russlands gefunden worden waren. Das Alter der Knochen des "K14" genannten Fundes wurde auf 38 700 bis 36 200 Jahr datiert, der Mann lebte somit im Jungpaläolithikum. Die Wissenschaftler verglichen Merkmale seines Erbguts mit denen anderer früher Menschen und mit denen heute lebender. Es zeigte sich, dass das Erbgut Ähnlichkeit mit einem 24 000 Jahre alten Knochen eines Jungen aus Zentralsibirien und mit dem europäischer Jäger und Sammler aus der Mittelsteinzeit aufweist.

Ankunft von Bauern aus dem Nahen Osten

Auch im Erbgut von heute im westlichen Sibirien und in verschiedenen Regionen Europas lebenden Menschen fanden die Wissenschaftler Merkmale des Erbguts von "K14". Im Jungpaläolithikum gab es eine Zwischenpopulation, die sich zeitweise von Europa nach Zentralasien erstreckte, folgern die Forscher. Teilpopulationen könnten sich ausgetauscht und gemeinsame Kinder gehabt haben. "Dieses Ergebnis hat mich schon sehr überrascht", sagt Philip Nigst, Archäologe an der University of Cambridge in Großbritannien und am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig, der an der Untersuchung beteiligt war. "Bisher war einfach nicht klar, inwieweit die einzelnen Populationen miteinander in Kontakt standen."

Vor etwa 8000 Jahren kamen dann die ersten Bauern aus dem Nahen Osten und wurden in Europa sesshaft. "Die Bauern haben sich mit den existierenden Wildbeuter-Populationen vermischt. Genetisch gehen die modernen Europäer heute zum großen Teil auf diese Bauern zurück", sagt Nigst. Schließen fanden die Wissenschaftler im Erbgut von "K14" recht lange Abschnitte von Neandertaler-DNA.

Dieses Ergebnis deckt sich mit dem einer Studie, die kürzlich im Fachblatt Nature vorgestellt wurde. Ein Forscherteam des Max-Planck-Instituts hatte das Erbgut eines Steinzeitmannes analysiert, der vor 45 000 Jahren in Westsibirien lebte. Auch in diesem Genom hatten die Wissenschaftler Spuren von Neandertaler-DNA gefunden. Sie hatten errechnet, dass moderne Menschen und Neandertaler vor etwa 50 000 bis 60 000 Jahren gemeinsame Kinder zeugten.