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Tierwelt:Rekordhalter vom Meeresgrund

Knallkrebs (Spezies Alpheus heterochaelis)

Dieser Knallkrebs der Spezies Alpheus heterochaelis erzeugt mit seiner dicken Knallschere ohrenbetäubenden Lärm. Wozu seine kleinen Augen in der Lage sind, war lange nicht bekannt.

(Foto: Alexandra Kingston (University of South Carolina)/Royal Society)

Knallkrebse sind die lautesten Tiere der Welt. Doch auch ihr Sehvermögen ist rekordverdächtig - ihre kleinen Augen gleichen einer Highspeed-Kamera.

Nähern sich Fressfeinde, krümmen Knallkrebse ihren Hinterleib, stoßen sich ab und katapultieren sich so in Sicherheit. Damit diese Technik funktioniert, müssen die Knallkrebse, auch Pistolenkrebse genannt, ihre herannahenden Feinde allerdings rechtzeitig bemerken. Biologen der University of South Carolina haben nun herausgefunden, dass die drei bis fünf Zentimeter großen Krebstiere dabei auf den schnellsten bekannten Sehsinn aller Meerestiere vertrauen können.

Lange dachte man, dass Knallkrebse nahezu blind sind. Nun steht fest: Die Augen der Knallkrebse gleichen einer Highspeed-Kamera; die zeitliche Auflösung ihres Sehsinns ist fast dreimal so hoch wie bei Menschen. Die Tiere konnten ein Flackern mit einer Frequenz von bis zu 160 Hertz erkennen. Einige Exemplare schaffen sogar bis zu 200 Hertz. Das stellten die Wissenschaftler fest, nachdem sie Knallkrebse der Spezies Alpheus heterochaelis künstlich erzeugten Lichtreizen ausgesetzt hatten.

Blitzschnell vorbeischwimmende Beute oder heranjagende Feinde, die wir Menschen nicht sehen würden, entgehen den Knallkrebsen so nicht. Die Tiere leben vorzugsweise in Riffen auf dem Meeresgrund. In diesen dicht besiedelten Gebieten in oftmals trübem Wasser seien sie auf das schnelle Erkennen von Objekten angewiesen, schreiben die Wissenschaftler in ihrer Studie.

Der Krebs setzt eine seiner Scheren als Schusswaffe ein

Damit sind Knallkrebse nicht nur die Rekordhalter unter den Meerestieren. Sie haben auch schnellere Augen als alle Wirbeltiere, obwohl sie selbst als Krebstiere wirbellos sind. Einen vergleichbar schnellen Sehsinn hatten Biologen zuvor nur bei fliegenden Tieren beobachtet. Auch sie müssen Feind und Beute blitzschnell erkennen. So gelten Wanderfalken, Tauben oder Blaumeisen als Wirbeltiere mit den schnellsten Augen. Die einzigen bekannten Tiere, die noch schneller sehen können als Knallkrebse, sind fliegende Insekten wie Eintagsfliegen.

Knallkrebse beziehungsweise Pistolenkrebse verdanken ihre beiden deutschen Namen indes einer anderen beeindruckenden Fähigkeit - die sie ebenfalls zu Rekordhaltern macht. Die Tiere setzen eine ihrer Scheren gewissermaßen als Schusswaffe ein. Der vordere Teil der Schere, Scherenfinger genannt, hat einen kleinen Vorsprung. Klappt ein Knallkrebs die Schere ruckartig ein, schnappt dieser Vorsprung in eine Grube auf dem hinteren Teil der Schere. Die Knallschere stößt so einen Wasserstrahl aus, der eine winzige dampfgefüllte Blase bildet.

Wenn diese für Menschen unsichtbare Gasblase dann unter dem Umgebungsdruck implodiert, knallt und blitzt es. Es entstehen örtliche Temperaturen von mehr als 4700 Grad Celsius und ein wortwörtlich ohrenbetäubender Lärm - der Knallkrebs betäubt damit Würmer und kleine Krebstiere, die er dann verspeist. Er zückt seine Pistole aber auch, um mit Artgenossen zu kämpfen - selbst zur Kommunikation setzt er seine Knallschere ein.

Der so erzeugte Lärm ist 200 bis 250 Dezibel laut. Damit gilt der Knallkrebs als lautestes Tier der Welt. Zum Vergleich: Ein Düsenjet ist ungefähr 120 Dezibel laut. Mit seinen flinken Augen führt der Knallkrebs unter den Meerestieren nun eine weitere Bestenliste an. Um derlei Rekorde schert er sich freilich nicht. Ohnehin haben solche Rankings allemal unterhaltenden Mehrwert. In der Natur kommt es nicht darauf an, zu den Besten zu gehören, sondern zu den am besten Angepassten - an die direkte Umwelt. Knallkrebse begegnen schließlich weder Eintagsfliegen noch Düsenjets.

© SZ
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