Klimawandel Wärmstes Jahrzehnt seit 1850

Deutschland erlebt zwar ein besonders kaltes Jahr - doch weltweit nimmt die Hitze weiter zu. Wie die UN-Wetterorganisation WMO berichtet, ist das ausgehende Jahrzehnt das wärmste seit Beginn der Messungen.

Von Christopher Schrader

2010 wird offenbar ein Jahr für die Geschichtsbücher - jedenfalls was das Wetter betrifft. Während der Monate Januar bis Oktober war es im globalen Mittel wärmer als je zuvor, seit im Jahre 1850 die regelmäßigen Messungen begannen, berichtet die Meteorologische Weltorganisation WMO in Genf und Cancún.

Bereits jetzt ist klar, dass die Jahre 2001 bis 2010 als die bisher wärmste Dekade in der Statistik stehen werden.

(Foto: AP)

Weil auch die vorläufigen Daten für den November in diese Richtung zeigen, sei es fast sicher, dass 2010 in der Jahresbilanz unter den ersten drei Kalenderjahren liegen wird. Im Rennen mit 1998 und 2005 könnte es nun sozusagen ein Fotofinish geben.

Schon jetzt ist zudem klar, dass die Jahre 2001 bis 2010 als die bisher wärmste Dekade in der Statistik stehen werden.

Die Oberflächentemperatur der Landmassen und Weltmeere zusammengenommen lag den Daten aus Genf zufolge um 0,55 Grad Celsius über dem Durchschnitt der Jahre 1961 bis 1990. Bisher hatte diesen Teilrekord das Jahr 1998 mit 0,53 Grad Erwärmung gehalten; es war auch über die ganzen zwölf Monate gerechnet das wärmste.

Die WMO stützt sich bei ihren Aussagen traditionell auf die Messungen des Hadley Center des britischen Wetterdienstes Met Office, der die globale Statistik zusammen mit den Klimaforschern der University of East Anglia pflegt. Vor knapp zwei Wochen war die gleiche Aussage aber schon aus den USA zu hören gewesen, wo die Wetterbehörde NOAA ihren eigenen Datensatz auswertet. Auch dort hieß es, die ersten zehn Monate des Jahres 2010 lägen auf dem Spitzenplatz, gleichauf mit dem Jahr 1998. Satellitendaten der Nasa und der University of Alabama in Huntsville wiesen bei Differenzen in Details in die gleiche Richtung.

Dass sich die Zahlen der vier Institutionen unterscheiden, liegt daran, dass alle die Rohdaten der Messstationen und Satelliten etwas anders auswerten: Wenn sich die Forschergruppen aber wie jetzt einig sind, spricht das sehr für ihre Aussage.

Hinter dem globalen Durchschnitt verbergen sich viele Ausreißer. In Europa zum Beispiel war es 2010 eher kühl: Deutschland, Frankreich, Großbritannien und Norwegen könnten das kälteste Jahr seit 1996 erleben. Das zeigten vor wenigen Tagen auch Daten des Deutschen Wetterdienstes: Demnach war der meteorologische Herbst, also die Monate von September bis November, 0,3 Grad kälter als der langjährige Durchschnitt.

Bayern war dabei das kälteste und trockenste Bundesland. Der Dezemberanfang bot an vielen Orten Deutschlands sogar das kälteste Wetter seit Beginn der Statistik. In weiten Teilen Europas mussten Meteorologen Jahrzehnte in der Statistik zurückgehen, um vergleichbare Tage zu finden.

Besonders warm hingegen war das Jahr der WMO zufolge in Kanada und auf Grönland, wo die Thermometer ganze drei Grad mehr anzeigten als erwartet. Ein Streifen von Nordafrika bis Südasien und China erreichte fast ebenso Ausnahmewerte.

Russland erlebte im Sommer zudem eine außergewöhnliche Hitzewelle, die große Waldbrände auslöste. Sie war genauso ein Extremereignis wie der Monsun über Pakistan, der ganze Landstriche im Wasser versinken ließ. Wetterkundlern zufolge hingen beide Phänomene auch noch zusammen, das Hoch über Russland und das Tief über Pakistan hätten sich gegenseitig stabilisiert und am Abziehen gehindert.

In Indonesien und Australien gab es unerwartet starken Regen, am Amazonas hingegen Trockenheit, so dass der Rio Negro, ein großer Zufluss, auf den niedrigsten Pegel seit Beginn der Aufzeichnungen fiel. Auch China hatte zwischen September 2009 und März 2010 eine große Dürre erlebt.

Die Kapriolen und die Rekordtemperaturen hängen den Wetterforschern zufolge mit dem sogenannten El-Niño-Phänomen zusammen. Es verändert im Pazifik weitläufig die Druck- und Temperaturwerte, verschiebt Regengebiete und Sturmbahnen und heizt dabei die Welt auf. Die Monate März bis Juni waren darum jeweils die heißesten in der globalen Statistik gewesen.

El Niño hat vor allem die erste Hälfte des Jahres geprägt, seit Sommer aber dem umgekehrten Phänomen Platz gemacht, der La Niña. Darum rangiert zum Beispiel der Oktober im Vergleich zu früheren zehnten Monaten unter ferner liefen. Die anderen Rekordjahre 1998 und 2005 hatten aber gegen Ende einen ähnlichen Verlauf gezeigt.

Unter diesen kurzfristigen Veränderungen erkennen die Forscher aber ungebrochen den Trend zu einer globalen Erwärmung. Klimaskeptiker hatten hingegen lange argumentiert, seit dem bisherigen Rekordjahr 1998 seien die globalen Temperaturen eher wieder gefallen. Dieser Behauptung hatte schon der Verlauf des Jahres 2009 widersprochen, die Werte von 2010 dürften das Argument endgültig hinwegfegen.

(Eine Reportage des Raumfahrtmagazins Space von Euronews TV und der Europäischen Weltraumorganisation Esa zum Thema Klimawandel finden Sie hier)