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Klimawandel und Insekten:Invasoren aus dem Süden

Unter dem Einfluss des Klimawandels erobern neue Spinnen und Insekten Deutschland. Manche sind harmloser als gedacht, manche aber könnten gefährlich werden.

Heike Zielasko und Falko Pyck

In Dorsten waren es Prozessionsspinner, in Brandenburg Giftspinnen, im Rheingraben Sandmücken, deren Auftauchen jeweils Meldungen in der Presse wert waren.

Dornfinger

Löste Giftalarm in Österreich aus: der Dornfinger

(Foto: Foto: dpa)

Deutschland, so scheint es demnach, ist zu einem Einwanderungsland für exotische Insekten und andere Tierchen geworden, die zur Gefahr für den Menschen werden könnten. Zudem beginnen heimische Organismen, Krankheitserreger zu übertragen, die ursprünglich aus Afrika stammen. Zum Beispiel infizieren Stechmücken Rinder, Schafe und Ziegen mit der Blauzungenkrankheit. Aus vielen Bundesländern haben Bauern bereits Fälle gemeldet. Die genauen Ursachen für die Invasion haben vor jüngst etwa 140 Fachleute auf einer Tagung diskutiert, die das Umweltbundesamt (UBA) organisiert hatte.

Das Ergebnis der Konferenz: Der Klimawandel kann die Verbreitung neuer Krankheitserreger in Deutschland fördern. Die Anzahl der Überträger der Infektionen, zum Beispiel Mücken- oder Zeckenarten, nimmt mit der Erwärmung zu. Allerdings beeinflussen auch zufällige Ereignisse wie ein milder Winter die Menge der Insekten.

Die Experten fordern daher dringend, die Populationen solcher im Fachjargon Vektoren genannter Überträger systematisch zu überwachen. "Kein Mensch kennt die genauen Übertragungswege'', sagt Gerd Müller-Motzfeld von der Universität Greifswald: "Wir brauchen Antworten auf die Fragen: Woher kommen die neuen Arten? Wo und unter welchen Umständen leben sie?'' Die Forscher fordern, mehr Geld in diese Art Grundlagenforschung zu investieren.

Angesichts der Klimaerwärmung sehen die Experten die Gefahr, dass in Deutschland Tropenkrankheiten heimisch werden. Vom Mittelmeer ausgehend weitet zum Beispiel die Sandmücke ihren Lebensraum in Richtung Norden aus. Im Jahr 1999 wurden die ersten vier Exemplare in Baden-Württemberg entdeckt, zwei Jahre später stand die Zählung bei 117 Tieren.

Der erste Erklärungsversuch: Sandmücken gerieten im Fell von Hunden nach Deutschland. Die bisher erst vereinzelt nachgewiesenen Mücken könnten die ursprünglich im Mittelmeerraum heimische Leishmaniose übertragen, warnt nun das UBA. Bislang seien ein Kind und einige Hunde daran erkrankt. Das Leiden verursacht Hautzerstörungen, kann aber auch innere Organe befallen und zum Tod führen.

Von der Sandmücke kommen aber nicht nur einzelne Tiere an, sondern die gesamte Population rückt näher. Die Insekten sind darauf angewiesen, dass die Temperatur einige Nächte lang nicht unter 20 Grad Celsius sinkt. Meteorologen zufolge ist das im Sommer in all jenen Gebieten möglich, in denen im Jahresmittel mindestens zehn Grad herrschen: im Süden Deutschlands bis zur Höhe von Frankfurt und im Rheingraben bis nach Köln. Diese Grenze hat sich in den letzten Jahren nach Norden verschoben.

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