Süddeutsche Zeitung

Naturkatastrophen:Warum Anpassung oft misslingt

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Schutzmaßnahmen gegen Dürren oder Überschwemmungen orientieren sich meist am jüngsten Ereignis - und können dann gegen schlimmere Katastrophen wenig ausrichten. Das ist in Zeiten zunehmender Extreme ein Problem.

Von Benjamin von Brackel

Im Jahr 2003 erlebte Kapstadt eine heftige Dürre, die bis ins Folgejahr andauerte. Daraus zogen die Behörden der südafrikanischen Metropole ihre Lehren: Sie ließen einen weiteren Stausee an die städtische Wasserversorgung anschließen und entwickelten Strategien zur Wasserrestriktion sowie Kommunikationskampagnen, um auf die nächste Dürre vorbereitet zu sein. Die folgte in den Jahren 2015 bis 2018 und war so heftig, dass trotz aller Vorsorge die Wasserreserven fast komplett aufgebraucht wurden und die Wirtschaft einen Schaden von 180 Millionen Dollar erlitt.

Das Beispiel ist nur eines von 45 Paaren von Dürren oder Überschwemmungen, die sich zeitversetzt am gleichen Ort ereignet haben, und von einem 99-köpfigen internationalen Forscherteam um Heidi Kreibich vom deutschen Geoforschungszentrum Potsdam (GFZ) aus aller Welt zusammengetragen wurden. Sie decken die Jahre 1947 bis 2019 ab. Ihr Vergleich, der nun im Fachjournal Nature publiziert wurde, zeigt: Wirkte sich die zweite Überschwemmung oder Dürre schwächer oder ebenso stark aus wie die erste, fiel auch der Schaden meist geringer aus. Folgte hingegen auf eine Dürre oder Überschwemmung ein noch extremeres Ereignis, war die Auswirkung - mit Ausnahme von nur zwei von 18 Fällen - gleich groß oder meist sogar noch größer, egal wie viel Risikomanagement in der Zwischenzeit betrieben worden war.

Das erklären die Autoren damit, dass sich Maßnahmen wie die Erhöhung eines Deichs oder die Vergrößerung eines Wasserreservoirs in der Regel am letzten großen Ereignis orientieren würden und deshalb nicht auf ein noch stärkeres Ereignis ausgelegt seien. "Wir können gut mit Ereignissen umgehen, die wir schon einmal erlebt haben, aber deutlich schlechter mit noch extremeren Ereignissen", sagt Günter Blöschl, Leiter der Abteilung Ingenieurhydrologie an der TU Wien und Co-Autor der Studie. "Es ist ganz schwierig, sich auf etwas einzustellen, das noch nicht dagewesen ist."

Im Ahrtal orientierte man sich am Hochwasser von 2016, das relativ gut beherrschbar war

Dabei spielt auch die Psychologie eine Rolle. Von einer "Verzerrung" in der Risikowahrnehmung spricht Blöschl. "Das was wir persönlich erfahren, nehmen wir viel wichtiger als das, was wir aus anderen Orten gehört haben."

Das war auch bei der Flutkatastrophe im Ahrtal 2021 so: Überschwemmungen von dieser Größenordnung hat es in Mitteleuropa schon zuvor gegeben, auch im Ahrtal selbst - wie im Jahr 1910. Orientiert hätten sich die Menschen in der Region aber am nächsten zurückliegenden Hochwasser von 2016, das aber lange nicht so heftig ausgefallen war wie das im Jahr 2021 folgende. "Die Leute haben sich sicher gefühlt aus der Erfahrung, dass man solch ein Ereignis ganz gut beherrschen kann", sagt Kai Schröter, Professor für Hydrologie und Flussgebietsmanagement an der TU Braunschweig und ebenfalls Co-Autor der Nature-Studie.

Dieses Problem kann der Klimawandel unter Umständen noch verschärfen, indem er für mehr "beispiellose Ereignisse" sorgt. In manchen Regionen der Welt erhöht er die Gefahr von Überschwemmungen, in anderen für Dürren. Nordeuropa zum Beispiel muss sich auf ein Übermaß an Regen einstellen, Südeuropa hingegen auf Wassermangel. Bei einer Erderwärmung von zwei Grad Celsius könnten sich Prognosen zufolge die wirtschaftlichen Schäden infolge von Überschwemmungen auf der Welt verdoppeln und im Falle von Dürren in Europa mehr als verdreifachen.

Bislang galt in der Wissenschaft, dass man sich mit Maßnahmen, die darauf abzielen, die Verletzlichkeit der Menschen zu mindern, ganz gut auf mögliche Naturkatastrophen einstellen kann. "Aber wenn die Intensität der Gefährdung zunimmt, reicht das eben nicht aus", sagt Schröter.

Neue Deiche können ermutigen, in Überschwemmungsgebieten zu siedeln

Wie im Fall der Dürre, die zwischen 2007 und 2009 in Kalifornien herrschte und fast zwei Drittel des Bundesstaates beeinträchtigte. Eine Dürre zwischen 2000 und 2003 hatte hingegen nur knapp ein Drittel der Fläche Kaliforniens beeinträchtigt. Obwohl danach zum Beispiel das Frühwarnsystem verbessert wurde, waren die Einbußen bei der Getreideernte bei der darauffolgenden stärkeren Dürre noch größer.

In manchen Fällen geht das Risikomanagement sogar nach hinten los. Neue oder höhere Deiche setzen unter Umständen mehr Menschen der Flutgefahr aus, da sie damit ermutigt werden, in Überschwemmungsgebieten zu siedeln. Auf ähnliche Weise kann der Bau von Wasserreservoirs Landwirte dazu animieren, zusätzliche Flächen zu bewässern, woraufhin den Anwohnern womöglich weniger Trinkwasser bleibt und Flüsse austrocknen. "Manchmal kann es auch sinnvoll sein, sich zurückzuziehen", sagt Schröter.

Einen absoluten Schutz werde es aber nie geben. Unabhängig von der Anpassung bleibe immer ein Restrisiko, mit dem man lernen müsse umzugehen, sagt der Bauingenieur und Hydrologe. Heißt: Menschen in gefährdeten Gebieten müssen frühzeitig gewarnt werden und lernen, wie sie sich im Gefahrenfall verhalten. Bayern und Österreich hatten etwa aus dem Donau-Hochwasser im Jahr 2002 gelernt und konnten die noch heftigeren Überschwemmungen im Jahr 2013 besser abfedern.

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