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Klimaschutz:Es ist Zeit für realistische Ziele

Weltweite Proteste von Fridays for Future

Heute geborene Kinder haben beste Chancen, das Jahr 2100 zu erleben; unter jedem weiteren Versagen der Klimapolitik werden sie leiden: Schüler-Demo in Halle/Saale.

(Foto: Hendrik Schmidt/dpa)

Fünf Jahre nach dem Paris-Abkommen steht fest: Die 1,5-Grad-Grenze ist nicht mehr zu halten. Statt über Temperaturziele zu streiten, sollte man sich auf etwas anderes konzentrieren.

Kommentar von Marlene Weiß

Als vor genau fünf Jahren in Paris das historische Klimaabkommen ausgehandelt wurde, gab es einen eingängigen Slogan, mit dem vor allem kleine Inselstaaten auf ihre verzweifelte Lage hinwiesen: "One-point-five to stay alive"; 1,5 Grad, um zu überleben. Die Allianz dieser Länder, die durch den Klimawandel vom Untergang bedroht sind, hatte am Ende einen Teilerfolg. Die 1,5-Grad-Grenze wurde immerhin als Ziel in den Vertrag geschrieben. Auf unter zwei Grad, wenn möglich 1,5 Grad, sollte die Aufheizung der Erde begrenzt werden.

Die Forderung war aus wissenschaftlicher Sicht alles andere als unbegründet, jenseits von anderthalb Grad Erwärmung droht tatsächlich vielen Inseln die Unbewohnbarkeit, Korallenriffen das große Sterben. Aber so weh es tut: Fünf Jahre später wird es Zeit, sich einzugestehen, dass dieser Kampf wohl verloren ist. Daran kann auch das am Freitag beim EU-Gipfel beschlossene schärfere Klimaziel für 2030 nichts mehr ändern.

Hätte man in den Neunzigerjahren mit ernsthaftem Klimaschutz angefangen, hätte man die Grenze recht leicht einhalten können. Selbst 2009 wäre es vielleicht noch machbar gewesen, bei der Klimakonferenz in Kopenhagen. Aber als die Inselstaaten endlich den Vertrag in den Händen hielten, der ihre Zukunft retten sollte, war es vermutlich schon zu spät, und heute ist es das erst recht. Rund die Hälfte der Menge an CO₂, die der Mensch seit der industriellen Revolution in die Atmosphäre geschickt hat, wurde nach 1990 emittiert; etwa ein Fünftel allein seit 2009.

Wollte man jetzt, da sich der Planet bereits um deutlich mehr als ein Grad erwärmt hat, das 1,5-Grad-Ziel erzwingen, müssten die Emissionen rasant fallen. Das ist vielleicht theoretisch denkbar, aber unrealistisch. 7,8 Milliarden Menschen müssen essen, heizen, ihren Lebensunterhalt bestreiten. Das geht nicht von heute auf morgen emissionsfrei, schon gar nicht in demokratischen Rechtsstaaten. Die Menschheit hatte eine Chance, die schlimmeren Folgen des Klimawandels zu verhindern. Sie hat sie vertan.

Eine stärkere Erwärmung heißt nicht, dass das Klima komplett außer Kontrolle gerät

Man kann sich dieser Einsicht verweigern und jeden, der das Ziel infrage stellt, des Verrats an der Zukunft bezichtigen. Teile der Klimaschutzbewegung tun das. Aber besonders hilfreich ist dieser Streit zwischen Fundis und Realos nicht. Viel sinnvoller wäre es, den Blick auf das zu richten, was zu retten ist.

Nach allem, was man weiß, wird mehr Erwärmung zwar schreckliche Folgen haben. Eine zwei Grad wärmere Welt ist eine, in der mehr Menschen in Hitzewellen sterben, in der noch häufiger Dürren Ernten bedrohen, Überschwemmungen Zerstörung hinterlassen und in der das Artensterben sich beschleunigt. Über Jahrhunderte bis Jahrtausende hinweg könnte der Meeresspiegel um mehrere Meter ansteigen.

Aber anders als oft behauptet, heißt eine stärkere Erwärmung vermutlich nicht, dass das Klima komplett außer Kontrolle gerät, sich durch selbstverstärkende Prozesse wie das Tauen von Permafrostboden immer weiter aufheizt und alles verloren ist. Auch eine rund zwei Grad wärmere Erde ist ein Planet, der Menschen eine Heimat bieten kann; ein Planet, für den es sich zu kämpfen lohnt. Jedes Zehntelgrad vermiedene Erwärmung ist ein Stück Zukunft, auch dann, wenn man ein festes Ziel verfehlt.

In Temperaturzielen steckt ohnehin eine gewisse Hybris. Sie sind wichtig, um die Folgen von Handeln oder Nichthandeln greifbar zu machen. Aber niemand kann der Erde vorschreiben, wie sie auf weitere Emissionen zu reagieren hat; die Unsicherheiten vor allem in Richtung zusätzlicher Erwärmung sind erheblich und werden umso größer, je mehr man über das Emissionsbudget für 1,5 Grad hinausschießt. Worauf es wirklich ankommt, ist etwas anderes. Auch das steht im Paris-Abkommen: Die CO₂-Emissionen müssen so bald wie möglich ein Ende haben. Besser früher als später, aber besser später als nie.

Bis Mitte des Jahrhunderts muss das Ende der Treibhausgas-Emissionen erreicht sein

Reduktionen um 20, 55 oder 60 Prozent reichen nicht aus. Am Ende muss Treibhausgas-Neutralität stehen. CO₂ hält sich über Jahrtausende in der Atmosphäre. Erst wenn die Emissionen unter dem Strich auf null sinken, kann sich das Klima stabilisieren. Andernfalls kann man sich alles Gestreite um Zieltemperaturen sparen - sie werden sowieso überholt.

Das Ende der fossilen Emissionen bis ungefähr zur Mitte des Jahrhunderts zu erreichen, ist eine gewaltige Aufgabe. Es würde wohl nicht ausreichen, um die Erde unter 1,5 Grad Erwärmung zu halten, aber zumindest käme das Klima zur Ruhe. Und es ist ein Projekt, das zu schaffen ist. 127 Staaten, die gemeinsam fast zwei Drittel der Emissionen verantworten, haben zugesagt oder diskutieren, ihren Ausstoß auf null zu bringen. Zwar ist ein Ziel allein nicht genug: Wer nicht garantiert, dass der Ausstoß von CO₂ stetig und spürbar teurer wird, muss sich nicht wundern, wenn die nötigen Investitionen in saubere Technik ausbleiben. Aber dass die Sache machbar ist, steht mittlerweile außer Frage.

Es ist bitter, dass diese Dynamik erst jetzt in Gang kommt, da der Klimawandel sich tagtäglich vor aller Augen abspielt und die Verhandler vor sich her treibt. Vieles hätte man verhindern können, wenn die Welt im Klimaschutz nicht jahrzehntelang getrödelt hätte.

Der Zeitpunkt, das Ende des fossilen Zeitalters zu besiegeln ist: jetzt

Wenigstens jetzt aber muss die Gunst der Stunde genutzt werden, denn die Klimanull verlangt langfristige Planung. Es reicht nicht, ein bisschen weniger Auto zu fahren und etwas Kohle durch Erdgas zu ersetzen. Es geht nicht darum, weniger vom Gleichen zu tun, sondern vieles vollkommen anders. Das erfordert neue Infrastruktur, enorme Investitionen, auch gesellschaftliche Veränderungen. Heute geborene Kinder haben beste Chancen, das Jahr 2100 zu erleben; unter jedem weiteren Aufschub werden sie zu leiden haben.

Auch wenn es nicht nur für die Inselstaaten zu spät kommt: Der Zeitpunkt, das Ende des fossilen Zeitalters zu besiegeln, ist nicht in zehn Jahren, sondern jetzt.

© SZ/jok
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