Klimawandel:Anbrüllen und Zuhören

Lesezeit: 2 min

Klimawandel: Mal kurz die Welt retten? Das gelingt nicht mal Leonardo DiCaprio und Jennifer Lawrence in dem Film "Don't look up". Die Menschheit muss es schon gemeinsam schaffen.

Mal kurz die Welt retten? Das gelingt nicht mal Leonardo DiCaprio und Jennifer Lawrence in dem Film "Don't look up". Die Menschheit muss es schon gemeinsam schaffen.

(Foto: Niko Tavernise/AP)

Warum der Netflix-Film "Don't Look Up" bei vielen Klimaforschern auf Begeisterung stößt - und dennoch schon nicht mehr ganz aktuell ist.

Kommentar von Marlene Weiß

Netflix-Zuschauer legen offenbar wenig Wert auf einen besinnlichen Jahresausklang. Der beliebteste Film dieser Tage auf dem Streaming-Portal ist "Don't Look Up" von Regisseur Adam McKay. Eine Satire, in der man Leonardo DiCaprio und Jennifer Lawrence als Astrophysiker und Doktorandin zweieinhalb teils lustige, teils qualvolle Stunden lang beim vergeblichen Versuch zusehen kann, die Menschheit zum Handeln zu bringen, weil ein gigantischer Komet auf die Erde zurast.

Das versteht natürlich jeder sofort als Metapher für den Umgang mit der Klimakrise (die Biodiversitätskrise kann schon deshalb nicht gemeint sein, weil wir bekanntlich keinen Kometen mehr brauchen, um Arten in rasantem Tempo auszurotten, das schaffen wir problemlos allein). "Jeder Katastrophenfilm beginnt damit, dass ein Wissenschaftler ignoriert wird", steht zuweilen auf Plakaten bei Fridays-for-Future-Demonstrationen, so läuft es auch hier: Die trumpeske US-Präsidentin interessiert sich nur für Umfragewerte, oberflächliche Journalisten wollen für alles einen positiven Dreh, der steinreiche Tech-Boss giert nach wertvollen Rohstoffen aus dem All.

Manche Kritiker fanden das etwas plump, aber von Klimaforschern kommt auch großes Lob. Für viele, die seit Langem das Gefühl haben, ihre immer deutlicheren Warnungen in den Wind zu schreien, hat der Film einen Nerv getroffen, sie fühlten sich verstanden. "Letztlich macht McKay in dem Film nicht viel mehr, als uns anzubrüllen, aber wir haben es verdient", hieß es in der New York Times.

Es ist zu wenig, zu spät - aber es bewegt sich etwas, endlich

Aber egal, was man von dem Film oder vom Anbrüllen als Klimakatastrophenkommunikationsstrategie halten mag; dass ein solches Werk überhaupt finanziert, gedreht, geschaut und diskutiert wird, ist ein Zeichen dafür, wie viel sich in der Wahrnehmung des Klimawandels zuletzt getan hat.

In vielerlei Hinsicht ist der Vorwurf des Films schon veraltet. Es ist stets viel zu spät, viel zu wenig, aber es bewegt sich etwas, endlich. Nimmt man den Staaten ihre Klimazusagen ab, steuert die Welt auf rund zwei Grad Erwärmung zum Ende des Jahrhunderts zu. Das ist natürlich erstens längst nicht gesichert, und zweitens wäre es immer noch grauenvoll - aber ein deutlicher Fortschritt im Vergleich zu vier oder mehr Grad Erwärmung, was noch vor wenigen Jahren zu befürchten war.

Man kann die Klimakrise inzwischen durchaus auch mit Mut und Hoffnung betrachten, nicht mehr nur mit Verzweiflung. Die Aufgabe ist, im Prinzip, lösbar geworden. Man muss es nur noch tun. Auf den Film "Don't Look Down" über das Insektensterben warten wir allerdings weiter.

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