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Klimakolumne:Die Corona-Rushhour

EU-Gipfel in Brüssel

Schon vor der Corona-Pandemie hatte Brüssel Verkehrsprobleme. Die könnten nach dem Lockdown mit Wucht wiederkehren.

(Foto: Virginia Mayo/dpa)

Das Auto erlebt seit der Pandemie eine Renaissance, zum Schaden der Umwelt. Die Lösung: Die Städte attraktiv für Fahrradfahrer und Fußgänger machen, schreibt Nadja Schlüter im Klimafreitag-Newsletter.

Von Nadja Schlüter

Fahren Sie gerne Auto? Ich nicht. Eigentlich bin ich überzeugte Bahnfahrerin. Seit meiner Studienzeit erreiche ich regelmäßig den Bahn-Comfort-Status, bin immer bereit zur Verteidigung, wenn in meinem Umfeld mal wieder über Verspätungen gemeckert wird, und habe noch nie ein eigenes Auto besessen.

Das vergangene Jahr hat allerdings etwas verändert: Ich bin viel seltener in den Zug gestiegen und habe stattdessen längere Strecken mit einem Mietwagen zurückgelegt. Das lag natürlich an der Corona-Pandemie: Ich wollte mich und die Menschen, zu denen ich gereist bin, schützen. Meine 97-jährige Großmutter konnte ich im Sommer nur mit einigermaßen gutem Gewissen auf ihrer Terrasse besuchen, weil ich auf dem Weg dorthin nicht mit fremden Menschen in einem Großraumwagen eingesperrt war. Meine ehemalige Kollegin Charlotte Haunhorst hat dieses veränderte Verhalten in der Pandemie mal in dem Text "Corona macht mich zur Umweltsau" zusammengefasst - darin thematisiert sie nicht nur das Autofahren, sondern zum Beispiel auch den höheren Plastikverbrauch durch Essen vom Lieferservice (dessen ich mich hiermit auch schuldig bekenne). Aber wie hat sich die Pandemie auf den gesamten Autoverkehr ausgewirkt? Haben es alle so gemacht und auf den Straßen war auf einmal noch mehr los als sonst?

Im ersten Lockdown ganz sicher nicht. Ich erinnere mich daran, dass im Frühjahr 2020 wenig himmlisch war - aber die Ruhe in Brüssel, der Stadt, in der ich lebe, war es definitiv! Sonst herrscht hier Verkehrschaos, immerhin ist Belgien dank der hiesigen Steuerpolitik eines der Länder mit den meisten Dienstwagen weltweit. Aber auf einmal: keine Staus mehr und gute Luftqualität. Auch aus anderen Städten gingen Bilder von leeren Straßen um die Welt, etwa aus New York oder Shanghai.

Die sonst stauträchtige Brüsseler Rue de la Loi im Frühjahr 2020

(Foto: ARIS OIKONOMOU/AFP)

Und dann? Ist das Virus geblieben - aber der Verkehr zurückgekommen. Ich höre und sehe das vor meinem Fenster und eine Greenpeace-Studie bestätigt, dass die Belgier vermehrt aufs Auto umgestiegen sind und das Verkehrsaufkommen nach dem ersten Lockdown sogar höher war als davor. In anderen Städten verlief die Entwicklung ähnlich: Das Navigations-Unternehmen Tomtom hat in seinem jährlichen Traffic-Index für 2020 zwar einen Rückgang des Verkehrsaufkommens in weltweit 387 Städten ermittelt. Aber an vielen Orten wurde im Frühsommer und Sommer auch wieder das Niveau der Vor-Pandemie-Zeit erreicht, in Deutschland etwa in Leipzig, Berlin, Dresden und Bremen. Eine Befragung des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt ergab im Mai 2020, dass das Auto ein Revival erlebt, vor allem bei jungen Städterinnen und Städtern.

Das ist eine schlechte Nachricht für das Klima. Zwar wurde für 2020 ein Rekord-Rückgang der weltweiten CO2-Emissionen verzeichnet, 22 Prozent davon werden auf den geringeren Verkehr (allerdings vor allem den Luftverkehr) zurückgeführt. Das Forschungsnetzwerk "Global Carbon Project", das die Daten erhoben hat, warnt aber davor, dass es zu einem "Nachholeffekt" kommen könnte, wie etwa nach der Finanzkrise 2008. Das würde einen sprunghaften Anstieg der Emissionen bedeuten. Diese müssen aber stetig sinken, wenn wir unsere Klimaziele erreichen wollen. Auch beim Verkehr, der für ein Fünftel der weltweiten Emissionen verantwortlich ist.

Mancherorts hat man die Krise dafür genutzt, sich gegen den Verkehrskollaps zu wappnen. Einige Städte fürchten gar eine "Autokalypse", weil die Menschen nach dem Lockdown den öffentlichen Nahverkehr aus Angst vor dem Virus meiden und aufs Auto umsteigen könnten. Die Lösung: die Straßen schnell attraktiver für Radfahrerinnen und Radfahrer, Fußgängerinnen und Fußgänger machen, mit Pop-up-Radwegen und verkehrsberuhigten Zonen. Unter dem Schlagwort "Strade Aperte" ("Offene Straßen") widmete Mailand auf Hauptverkehrsachsen Autospuren zu Fahrradwegen um. Der Bürgermeister von London kündigte eine Umgestaltung hin zu einem autofreien Zentrum an. In Paris wurde die Rue de Rivoli, an der der Louvre liegt, für Autos gesperrt. In München verdrängten im vergangenen Sommer "Schanigärten", Freischankflächen in Parkbuchten, die Autos. Auch hier in Brüssel hat sich etwas getan: Das Stadtzentrum wurde zur Tempo-20-Zone und seit dem 1. Januar 2021 ist im Großteil des restlichen Stadtgebiets nur noch Tempo 30 erlaubt. Außerdem sollen 40 neue Radweg-Kilometer entstehen.

Die Frage ist, ob sich diese Lösungen durchsetzen und dazu führen, dass Menschen ihre Fahrzeuge dauerhaft stehen lassen. Ich hoffe es. Aktuell beobachte ich allerdings noch das Gegenteil. Auf der Straße vor meinem Fenster gibt es sogar eine neue, dritte Rushhour: Samstags um kurz vor 22 Uhr, wenn die nächtliche Ausgangssperre in Kraft tritt, brausen hier seit kurzem eine Menge Autos durch.

© SZ
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