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Klimawandel:Horrorvision oder Realität?

Schornsteine an der Shell Rheinland Raffinerie in Godorf. Köln, 06.05.2019 *** Chimneys at the Shell Rheinland refinery

Die Entwicklung fossiler Emissionen dürfte für langfristige Klimavorhersagen am relevantesten sein.

(Foto: Christoph Hardt, via www.imago-images.de/imago images/Future Image)

Das Klimaszenario eines ungebremsten Emissionsanstiegs galt lange als unwahrscheinlich, doch nun meinen Forscher: Es beschreibt die aktuelle Entwicklung ganz gut.

Von Marlene Weiß

Selten wird über wissenschaftliche Modelle so lustvoll gestritten wie über das Klimaszenario namens "RCP8.5". Es beschreibt eine mögliche Entwicklung, in der die globalen CO2-Emissionen ungebremst zunehmen, sodass bis zum Jahr 2100 eine extreme Erwärmung von rund fünf Grad Celsius oder mehr zu erwarten wäre. Schon länger stören sich manche Experten daran, dass diese Schreckensvision oft als "Weiter so"-Variante bezeichnet wird, dabei erscheint sie als eher unwahrscheinlich - schließlich ging etwa die globale Kohlekraftwerkskapazität 2020 erstmals zurück. Doch nun schreiben Forscher im Fachblatt PNAS: RCP8.5 beschreibe die Emissionen momentan am besten, und das werde auch noch lange so bleiben. Ist die Horrorvision doch am zutreffendsten?

Die vier RCP-Szenarien wurden für den im Jahr 2013 veröffentlichten fünften umfassenden Bericht des Weltklimarats IPCC entwickelt. Das optimistischste, RCP2.6, beschreibt eine schnelle Kehrtwende weg von fossilen Brennstoffen, zwei weitere Szenarien beschreiben ungefähr konstante Emissionen bis 2050, während der CO2-Ausstoß bei RCP8.5 steigt und steigt. Die tatsächliche Kurve der Emissionen lag zeitweise sogar oberhalb von RCP8.5, liegt inzwischen aber darunter.

Nach wie vor gelten etwa drei Grad Erwärmung bis 2100 als wahrscheinlichstes Szenario

Bevor nun Panik ausbricht: An der aktuellen Temperaturprognose rütteln auch die Autoren um Christopher Schwalm vom Woods Hole Research Center in Massachusetts nicht. Nach wie vor gelten etwa drei Grad Erwärmung bis 2100 als wahrscheinlichstes Ergebnis, wenn man heutige Klimapolitik in die Zukunft fortschreibt. Sie argumentieren aber, dass man das extreme Szenario nicht vorschnell abtun solle. So liegt etwa die Prognose der internationalen Energieagentur IEA bis 2050 ungefähr in der Mitte zwischen RCP8.5 und einem etwas optimistischeren Szenario. Wenn man nun noch annehme, dass tauender Permafrost, Waldbrände und ähnliche Prozesse zusätzliche Treibhausgase in die Atmosphäre pumpen, sei man mit RCP8.5 näher an der Realität.

Allerdings hat die Gegenseite gewichtige Einwände. Erstens, schreibt Zeke Hausfather vom Breakthrough Institute auf Twitter, seien die RCP-Szenarien nie für die kurzfristige Entwicklung gedacht gewesen, sie beziehen sich vor allem auf das Ende des Jahrhunderts. So weist das ehrgeizige Klimaschutzszenario RCP2.6 für das Jahr 2020 die zweithöchsten Emissionen auf, was verwirrend sein mag, aber an Details der Modelle liegt.

Vor allem aber hätten sie einen Konstruktionsfehler, so Hausfather: Die RCP-Szenarien unterschätzen den Beitrag von Landnutzungsänderungen, etwa Waldrodung oder die Umwandlung von Mooren in Ackerland. Momentan führe das dazu, dass die realen Emissionen einschließlich solcher Prozesse tatsächlich näher am Horrorszenario liegen. "RCP8.5 hat zu hohe fossile Emissionen und zu niedrige aus Landnutzung", schreibt Hausfather. "Das gleicht sich gegenseitig aus, sodass kurzfristig vernünftige Projektionen herauskommen." Langfristig aber dürfte die Entwicklung der fossilen Emissionen viel relevanter sein. Betrachtet man nur diese, sind die Prognosen der IEA ungefähr im Einklang mit den mittleren Szenarien - die Welt ist also doch auf keinem ganz so schlechten Pfad. Allerdings liegt eine Erwärmung um drei Grad bis Ende des Jahrhunderts noch immer deutlich über den im Pariser Klimavertrag angestrebten Zielen von zwei oder sogar 1,5 Grad.

Zudem bleibt unklar, warum sich die Autoren um Schwalm überhaupt mit den RCP-Szenarien befasst haben - schließlich sind sie längst veraltet, für den kommenden Bericht des Klimarats werden neue Versionen verwendet, die mögliche gesellschaftliche Entwicklungen besser abbilden sollen. Betrachtet man diese Projektionen, liegen die IEA-Prognosen für die kommenden Jahrzehnte im mittleren Bereich. Was einerseits unerfreulich ist, schließlich bedeutet es, dass die Menschheit den schon heute schmerzhaften Klimawandel unnötig weiter verschlimmert. Andererseits aber lässt es vermuten, dass das Horrorszenario tatsächlich unwahrscheinlich ist.

© SZ
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