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Kippendes Weltklima:Der Punkt, ab dem es kein Zurück mehr gibt, könnte schon überschritten sein

Kommt es zu Kippeffekten, ist Erwärmung nicht die einzige Folge: Die schmelzenden Eispanzer könnten den Meeresspiegel über die kommenden Jahrhunderte um 60 Meter steigen lassen. Mit den Wäldern geht Biodiversität verloren und damit die Chance, in der Vielfalt der Natur Antworten auf die Krise zu finden. Auftauender Permafrost gefährdet Siedlungen in Sibirien und Straßen in den Alpen.

Das Temperaturniveau, bei dem die einzelnen Elemente ins Kippen geraten, ist jeweils unterschiedlich, schätzen die Forscher. Meereis und Eispanzer sind erkennbar schon bei der heute erreichten Klimaerwärmung unter Druck.

Der Punkt, ab dem es kein Zurück mehr gibt, könnte schon überschritten sein oder erst bei drei Grad Erwärmung liegen. Für die Wälder wird die Aufheizung ab zwei Grad gefährlich, die kritische Schwelle vermuten Forscher bei drei bis fünf Grad. Auch für andere Elemente könnte der riskante Bereich bei etwa zwei Grad Temperatur-Plus gegenüber der vorindustriellen Zeit beginnen.

Um diese Entwicklung zu stoppen, schreiben die Forscher, reiche die radikale Reduktion der Emissionen und der schnelle Umstieg auf neue Technik für Strom, Verkehr und Häuser nicht aus. Die Menschheit müsse auch die natürlichen Kohlenstoffsenken stärken sowie CO₂ mit technischen Mitteln aus der Atmosphäre entnehmen und irgendwo speichern - und ihr Verhalten im Alltag ändern.

"Wir schlagen eine tiefe Transformation vor, die auf einer Neuorientierung der menschlichen Werte beruht"

"Um eine stabile Entwicklung zu bekommen, ist ein behutsames Management der Beziehung der Menschheit zum Rest des Erdsystems nötig", schreiben die Forscher. "Wir schlagen eine tiefe Transformation vor, die auf einer fundamentalen Neuorientierung der menschlichen Werte beruht, von gerechter Verteilung, Verhalten, Institutionen, Wirtschaft und Technologie." Den Forschern ist klar, dass sich der radikale Wandel nicht über Nacht erreichen lässt. Doch der Weg müsse und könne bald eingeschlagen werden.

Ähnlich optimistisch hatte sich Ende Juli Christiana Figueres geäußert, die ehemalige Leiterin des UN-Klimasekretariats in Bonn: "Die monumentale Herausforderung trifft auf beispiellose Offenheit von Regierungen und Unternehmen." Zusammen mit einigen Ko-Autoren, darunter Rockström und Schellnhuber, hatte die Expertin aus Costa Rica "sechs Meilensteine" definiert, die die Welt bis 2020 erreichen solle. Diese betreffen Kohlekraftwerke und Schwerindustrie, Klimaschutz-Pläne, Elektroautos, Aufforstung und die Finanzierung des Klimaschutzes mit einer Billion Dollar pro Jahr. "Die Gelegenheit, die wir in den kommenden drei Jahren haben", sagt Figueres, "ist einzigartig in der Geschichte."

© SZ vom 08.08.2018/hach
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