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Klimawandel:Hört die Signale!

Illustration: Stefan Dimitrov

Die Klimakonferenz wurde vertagt, die Konjunkturhilfen sind umstritten, weil Nachhaltigkeit dabei kaum eine Rolle spielt. Und doch stehen die Chancen auf die Klimawende nicht schlecht.

Von Marlene Weiß

Mag sein, dass vor dem Kalender alle Jahre gleich sind, mal abgesehen von Schalttagen oder Schaltsekunden, die unfairerweise manchen spendiert werden und anderen nicht. Aber aus klimadiplomatischer Sicht gibt es durchaus Unterschiede. Da sind Zwischen-Jahre, in denen keine großen Entscheidungen oder Wahlen anstehen und alles etwas vor sich hin dümpelt. Oder Vorbereitungs-Jahre, in denen man sich warmläuft für den nächsten großen Showdown. Und dann gibt es die kritischen Jahre, auf die schon lange vor dem ersten Januar große Hoffnungen gesetzt werden. Weichensteller-Jahre, sozusagen.

2020 sollte so ein Jahr werden - das war jedenfalls der Plan, bevor Ende 2019 die ersten rätselhaften Fälle einer neuen Lungenkrankheit im chinesischen Wuhan bekannt wurden. Von da an nahm die Pandemie ihren Lauf, der Klimaschutz rückte auf der politischen Agenda weit nach hinten. Und der geplante große Höhepunkt des Klimaschutz-Jahres, die UN-Klimakonferenz im November in Glasgow, musste auf 2021 vertagt werden. Ist damit also alles dahin, der weltweite Klimaschutz unaufholbar zurückgeworfen?

Nicht unbedingt. Das liegt schon daran, dass auch die großen Erwartungen für 2020 letztlich Hoffnungen waren. Und Fortschritt misst sich im Klimaschutz erfahrungsgemäß stets an dem Ausmaß, in dem solche Hoffnungen enttäuscht werden. Es hätte auch ohne Pandemie gewaltig schiefgehen können. Bis zur Glasgow-Konferenz wären im Rahmen des Paris-Abkommens alle teilnehmenden Staaten verpflichtet gewesen, ihre bisherigen Klimaschutz-Angebote zu überarbeiten und zu verbessern. Alle fünf Jahre soll das künftig stattfinden, 2020 wäre das erste gewesen. Ob da letztendlich genug zusammengekommen wäre, um wenigstens das Zwei-Grad-Ziel in Sichtweite zu halten, nachdem die 1,5-Grad-Marke realistischerweise nicht mehr zu schaffen ist - wer weiß.

Die bisherigen Versprechen und Trends lassen eher rund drei Grad Erwärmung bis zum Ende des Jahrhunderts erwarten, damit wären beide im Paris-Abkommen genannten Ziele deutlich verfehlt. Die Konsequenzen eines so heftigen Klimawandels wären kaum kalkulierbar, Katastrophen globalen Ausmaßes sehr wahrscheinlich. Man kann also nur hoffen, dass es nicht dabei bleibt oder noch schlimmer kommt.

2020 könnten die Emissionen rund acht Prozent unterhalb des Vorjahreswertes liegen

Aber auf dem Weg zu einer weniger dystopischen Zukunft ist die nun auf Eis gelegte internationale Klimadiplomatie längst nicht das einzige Mittel. "Klimakonferenzen sind Konsolidierungsinstrumente", sagt Klimapolitik-Experte Felix Matthes vom Öko-Institut. "Sie setzen den Stempel auf unterschwellige Strömungen, die es ohnehin gibt." Die Glasgow-Konferenz sei wichtig, aber entscheidender ist für ihn das, was jetzt in der EU, in China, Südkorea und Japan stattfindet - und vielleicht bald auch in den USA. Und da ist zuletzt doch einiges vorangegangen.

Zwar kann man den drastischen Einbruch der CO₂-Emissionen während der ersten Lockdowns im Frühjahr kaum als Gewinn für den Klimaschutz werten, zu schnell kamen die Emissionen zurück, als sich die Wirtschaft nach der ersten Welle wieder etwas erholte. Über das ganze Jahr, schätzt die Internationale Energieagentur IEA, könnten die Emissionen letztlich rund acht Prozent unterhalb des Vorjahreswertes liegen - etwa auf dem Niveau von 2010. Das ist der heftigste Einbruch der Nachkriegsgeschichte, aber längerfristig fällt ein solcher Dämpfer kaum ins Gewicht, wenn danach emissionsmäßig bald wieder alles beim Alten ist.

Aber es müsste nicht so kommen, wenn der Wiederaufbau der Weltwirtschaft dazu genutzt würde, die dringend nötige Transformation hin zur Klimaneutralität zu beschleunigen. Ein kleiner positiver Effekt könnte dabei ganz von allein kommen: "Die Pandemie-Krise gibt einen gewissen Schub für einen Strukturwandel", sagt Matthes. "Ältere, ineffiziente Anlagen könnten abgeschaltet werden, das war nach der Finanzkrise von 2008 auch so."

Für alles weitere jedoch wäre die Politik gefragt, die dafür sorgen müsste, dass die Emissionen nicht nach dem steilen Fall umso schneller wieder nach oben gehen, wie es nach der Finanzkrise der Fall war, sondern sich dauerhaft abwärts bewegen. Helfen würden dabei Konjunkturpakete, die konsequent auf grüne Investitionen ausgelegt sind. Was man bisher über die geplanten oder bereits umgesetzten Maßnahmen weiß, stimmt in dieser Hinsicht allerdings mäßig optimistisch - viele einmalige Chancen wurden vergeben. Die internationale Strategieberatung Vivid Economics hat die Rettungspakete der G 20-Staaten analysiert und kommt zu einem durchwachsenen Ergebnis.

Solarenergie ist inzwischen zu einer der günstigsten Energiequellen geworden

Demnach fließen durch die bereits zugesagten Maßnahmen insgesamt 3,7 Billionen US-Dollar in die Sektoren mit Relevanz für Klima- und Umweltschutz: Landwirtschaft, Industrie, Abfallwirtschaft, Energie und Verkehr. Diese Summe entspricht fast dem jährlichen deutschen Bruttoinlandsprodukt und macht etwa 30 Prozent des gesamten Fördergeldes von rund zwölf Billionen US-Dollar aus. Damit könnte man einiges bewegen. Erst kürzlich haben Forscher vorgerechnet, dass nur ein Prozent der Gesamtsumme ausreichen würde, um die für das Erreichen des Paris-Ziels nötigen Investitionen in Erneuerbare anzuschieben - jedenfalls dann, wenn man zugleich sämtliche geplanten Investitionen in fossile Technologien ebenfalls in diese Richtung umleitet.

Diese Rechnung zeigt allerdings auch: Würde es allein am Geld liegen, wäre das Klimaproblem längst gelöst, diese bescheidene Summe hätte man leicht auch ohne Konjunkturpakete auftreiben können. Die Finanzierung ist jedoch nur ein kleiner Teil dessen, was Klimaschutz so schwierig macht. Das plötzlich so üppig vorhandene Staatsgeld kann deswegen auch nur einen Teil zur Lösung beitragen.

Das gilt auch für Deutschland: "Viele Hemmnisse gegen den Ausbau Erneuerbarer gerade in Deutschland liegen derzeit eher am rechtlichen Rahmen, etwa bei Genehmigungen, oder am Marktdesign, das lässt sich auf der Geldebene nicht lösen", sagt Matthes. Wie es aussieht, muss man international betrachtet schon froh sein, wenn das viele Geld wenigstens keinen Schaden anrichtet. Laut der Analyse von Vivid Economics sind die Fördermaßnahmen in 16 der G20-Staaten so angelegt, dass negative Effekte auf Klima und Umwelt zu erwarten sind. Nur in Deutschland, Großbritannien und Frankreich sowie vor allem in der EU insgesamt, die mit Abstand am besten abschneidet, dürften die positiven Folgen der Investitionen überwiegen.

Das klingt nun indes ziemlich düster: Klimakonferenz verschoben, Konjunkturpakete ein Desaster, und der Druck von der Straße hat sich auch noch verringert, weil die Pandemie die Massendemonstrationen von Fridays-for-Future unmöglich macht. Aber es gibt sie dennoch, die positiven Signale. In den vergangenen Jahren ist einiges in Bewegung gekommen, was selbst eine globale Pandemie nicht stoppen konnte. Dazu haben die Demonstrationen beigetragen, die die Klimaneutralitätsdebatte auf die politische Tagesordnung gebracht haben - aber auch der immer noch andauernde Preisverfall Erneuerbarer. Laut einem aktuellen IEA-Bericht ist Solarenergie nun eine der günstigsten Energiequellen der Geschichte, auch Windenergie ist viel billiger geworden.

Falls sich die EU-Staats- und Regierungschefs im Dezember erwartungsgemäß einigen, das Klimaziel für 2030 auf 55 Prozent weniger Emissionen im Vergleich zu 1990 hochzusetzen, wäre das schon ein großer Fortschritt, der Folgen für die Energiewende auf dem ganzen Kontinent hätte. Hinzu kommt die Ankündigung von Chinas Parteichef Xi Jinping, das Land wolle bis 2060 CO₂-neutral werden und schon vor 2030 beginnen, die Emissionen zu senken. Wenn es diesen beiden Groß-Emittenten gelingt, andere mitzuziehen, und wenn die Welt doch etwas grüner aus der Pandemie kommt, als sie hineingegangen ist, könnte es endlich vorangehen im Klimaschutz. Ob trotz oder gerade wegen der Pandemie - das wäre dann eigentlich egal.

© SZ vom 06.11.2020

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