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Klimawandel:Den Bewohnern Kiribatis droht eine Identitätskrise

Während die Bewohner Fidschis zumindest ihre Leute im eigenen Land umsiedeln können, müssen die Korallenatolle langfristig ihr gesamtes Staatsgebiet aufgeben. Viele liegen nicht höher als zwei Meter über dem Meer. Dabei können die Menschen dort nicht mal auf Menschenrechts-Garantien setzen. Die Genfer Flüchtlingskonvention bezieht sich nur auf kriegerische Konflikten und Verfolgung.

Kiribati hat deshalb die Sache selbst in die Hand genommen, um sich auf Fidschi einzukaufen, etwa auf der zweitgrößten Insel im Archipel Vanua Levu. Im Süden der Insel liegt das Dörfchen. Es heißt Naviavia. Über die Hügel mit dem kurzgemähten Rasen verteilen sich Bungalows, Schulkinder in blauen Uniformen rennen umher. Die 270 Einwohner Naviavias sind Nachfahren von Sklaven von den Salomonen, die einst von den britischen Kolonialherren auf Schiffen nach Fidschi verschleppt worden waren, um auf Zuckerrohrplantagen zu arbeiten. Nun befürchten sie, erneut unterdrückt zu werden - von den neuen Herren aus Kiribati. "Es tut schon ein bisschen weh", sagt die 69-jährige Deri Vakalele, wenn sie darüber nachdenkt, dass das Land, auf dem sie seit Jahrzehnten lebt, nun einem anderen Inselvolk gehört.

Immer waren sie mit dem Meer verbunden. Und nun sollen sie in den Bergen leben?

In der Fiji Times haben die Dorfbewohner gelesen, dass 18 000 bis 20 000 Inselbewohner kommen werden. Sie stellen sich Fragen: Werden die neuen Landbesitzer nicht den Fluss verschmutzen, der durch ihr Dorf fließt? Wie sollen sie an Geld kommen, wenn sie nicht mehr die Kokosnüsse aus dem Umland pflücken und das Öl auf dem Markt verkaufen dürfen? Und: Können sie ihre Kultur erhalten, wenn Zehntausende Menschen einer fremden Insel ihr Dörfchen umschließen?

Vergangenes Jahr kam der Vizepräsident Kiribatis zu Besuch. Die Delegation aus Kiribati trank mit den Dorfbewohner Kava, das schlammig aussehende und schmeckende Nationalgetränk, das den Körper schwer werden lässt. Sie besichtigten das Dorf, den Palmenwald und wanderten die Berge hinauf. In den ersten Jahren, versicherten die neuen Landbesitzer, wollen sie es nur zum Anbau von Taro, Kava und Kokosnüssen nutzen und frühestens in zehn Jahren würden die ersten Inselbewohner kommen. Auch den Bewohnern Kiribatis droht eine Identitätskrise. Ihre ganze Vergangenheit war mit dem Meer verbunden. Und nun sollen sie in den Bergen in einem fremden Land leben? In einem verwilderten, steilen Gelände, das sich nur schwer urbar machen lässt?

Vielleicht werden sie unter sich bleiben, um wenigstens ihre Gemeinschaft zu erhalten - so wie es die Bewohner des Kiribati-Inselchens Banaba einst taten. Die mussten im Jahr 1945 dem Phosphat-Bergbau weichen. Ein Schock, von dem sie sich bis heute nicht erholt haben. Sie leben seither isoliert. Aus den Fehlern will man jetzt lernen und beide Seiten früh einbinden und langsam auf die Umsiedlung vorbereiten. Bezahlt wurde der Ankauf des Landes mit Geld aus einem Fonds. Der speist sich aus den Einnahmen aus dem Phosphat-Bergbau auf der Banaba-Insel.

Manchmal, wenn Mary Meita an ihre Heimat Kiribati denkt, an die Erinnerungen ihrer Kindheit, die im Meer versinken, dann spürt sie Wut in sich aufsteigen. Wut auf die Industrieländer. Sie will jetzt nur als Privatperson zitiert werden. "Wir hassen den Gedanken, umsiedeln zu müssen", sagt sie. "Wir möchten nicht Klimaflüchtlinge genannt werden. Wir sind für all das nicht verantwortlich!"

© SZ vom 28.10.2017/cat
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